Home » Leitartikel, WortArt

Das Phantom der Oper: Vom Scheusal zum Sexsymbol

22 März 2020 No Comment

Das Phantom der Oper und Christine in dem berühmten Broadway-Musical. © flickr/ SUPERADRIANME

Eine weiße Halbmaske, eine rote Rose in einer schwarz behandschuhten Hand – oder doch eine grauenhafte Fratze ohne Nase mit aufgerissenem Mund? Das Phantom der Oper weckt unterschiedlichste Assoziationen. Wie 100 Jahre Film und Theater sein Bild prägten.

von Ella

Die Geschichte um das Phantom der Oper ist eine, die tausendfach auf unterschiedlichste Weise erzählt wurde. Ob als Roman, als Bühnenstück, Animation oder Verfilmung – seit 110 Jahren regt sie Fantasien an. Doch was uns bei diesem Titel als erstes in den Sinn kommt, ist wohl das Musical von Andrew Lloyd Webber. Seit 1988 wird es ununterbrochen auf dem Broadway aufgeführt. Damit ist es die am längsten laufende Broadway-Show überhaupt. Während die Erinnerung an das Original schwindet, haben sich die grandiosen Melodien Lloyd Webbers und das Bild der weißen Halbmaske in das Bewusstsein der Öffentlichkeit eingebrannt. Die ursprüngliche Geschichte stammt aus der Feder des französischen Autors und Journalisten Gaston Leroux und wurde zunächst in Teilen von September 1909 bis Januar 1910 in der Zeitung Le Gaulois veröffentlicht. 1910 erschien „Le Fantôme de l’Opéra“ auch als Roman. Darin beschreibt Leroux die mysteriösen Vorfälle in den 1880er Jahren in der Pariser Opéra Garnier: Sichtungen eines Operngeistes, in roter Tinte verfasste Drohbriefe an die neuen Direktoren, sonderbare Todesfälle, der Absturz des riesigen Kronleuchters während einer Vorführung und das rätselhafte Verschwinden der jungen Sängerin Christine Daaé.

Realismus und Horror

Dabei gibt er als Erzähler vor, diese Ereignisse untersucht und das Rätsel um das dort angeblich hausende Phantom geklärt zu haben. Dies dient natürlich nur als narrativer Rahmen für die fiktive Geschichte. Auch die wiederholte Behauptung, dass das Phantom wirklich existiert habe, wird den Leser wohl kaum überzeugen, allerdings hat Leroux tatsächlich einige echte Details in seinen Roman einfließen lassen. Es liegt nahe, dass er sich als Theaterkritiker häufig in der Oper aufhielt, wo er von Geheimgängen und den labyrinthartigen Kellern erfahren haben könnte, in denen menschliche Überreste gefunden wurden. Im Roman ist es der Körper des Phantoms, in Wahrheit waren es wohl Opfer der Pariser Kommune, welche 1871 dort Gefangene hielt. In den untersten Kellern des Opernhauses erstreckt sich auch ein gigantisches Wasserreservoir, welches an einen unterirdischen See erinnert. Es wurde errichtet, um das Fundament des Gebäudes zu stabilisieren, indem es dem Druck des Grundwassers entgegenwirkt. Zudem ereignete sich am 20. Mai 1896 ein schrecklicher Unfall, bei dem während einer Vorstellung eine Concierge erschlagen und mehrere weitere verletzt wurden – nur eben nicht direkt durch den tonnenschweren Kronleuchter, sondern durch ein herabgefallenes Gegengewicht. Der Krach des sich lösenden Gewichts verursachte Panik im Publikum: Dieses befürchtete einen Anschlag und rannte zu den Ausgängen; einige wollten über die Ballustraden von den Logen herunter springen, um sich in Sicherheit zu bringen. Sie konnten jedoch schließlich beruhigt und weitere Verletzte verhindert werden.

Eine der bekanntesten Adaptionen des Phantoms der Oper – und  gleichzeitig eine der originalgetreusten – ist der gleichnamige amerikanische Stummfilm von 1925 mit Lon Chaney als Phantom: ein Klassiker des frühen Horrorfilms. Erik, wie sich das Phantom nennt, sieht darin dank Chaneys selbst gefertigtem Make-Up und seiner expressiven Darstellung so grauenerregend aus, dass Zuschauer damals angeblich vor Angst schrien und in Ohnmacht fielen. Doch obwohl der Film die Figur gut porträtiert, gönnten die Produzenten ihr kein gutes Ende. Die erste, heute verschollene Version des Films endet noch ähnlich wie der Roman: Erik verschont Raouls Leben und Christine küsst Erik auf die Stirn. Er erhält also Vergebung und zum ersten Mal Zuneigung, woraufhin er vor Liebe stirbt, bevor eine wütende Meute in das unterirdische Versteck eindringt. Nach einer unerfolgreichen Probeaufführung entschied sich das Studio aber dafür, neue Szenen zu drehen – inklusive einem neuen, ‚aufregenderen‘ Ende. Darin entführt er Christine erneut in einer Kutsche, sie springt in voller Fahrt heraus, die Meute holt ihn ein und ertränkt ihn in der Seine. Der Film wurde noch ein drittes Mal überarbeitet, wobei fast alle Änderungen wieder herausgeschnitten wurden, doch das neue Ende blieb. Das Studio fand es angemessener, das Monster als Monster sterben zu lassen, als ihm etwas Wiedergutmachung zuzugestehen.

Vom Monster zum Sexsymbol?

In den letzten Jahrzehnten, spätestens mit dem Musical, verschob sich der Fokus bei der Umsetzung des Romans weg vom Mystery- und Horror-Genre und immer mehr hin zu romantischen Adaptionen. Der Stalker, Kidnapper und Mörder, der körperlich absolut abstoßend ist, wurde langsam zu einer düsteren, aber anziehenden Figur. Die in der heutigen Zeit bekannteste Version ist die Verfilmung des Lloyd-Webber-Musicals aus dem Jahr 2004 mit Gerard Butler in der Hauptrolle. Der Film wird vielfach kritisiert – von falscher Besetzung, schlechter Regie, Schnitt, überbeleuchteten Szenenbildern bis hin zu schlechter Anpassung der Handlung für das Filmische. Doch viel schlimmer als eine Figur, die durch ihr musikalisches Genie definiert ist, von einem Nicht-Sänger porträtieren zu lassen, ist, sie wesentlich attraktiver darzustellen, obwohl doch ihre Hässlichkeit sie charakterisiert. Im Buch hat das Phantom einen Totenschädel ohne Nase als Gesicht, gelbe Haut, als wäre sie am Verwesen, ist knochig wie ein Gerippe und riecht nach Tod. Menschen, die ihn zu Gesicht bekommen, erstarren vor Schreck. Im Film ist es stattdessen der überdurchschnittlich attraktive Gerard Butler, dem nur ein Viertel seines Gesichts leicht ‚entstellt‘ wurde, was heißt, das es etwas gerötet und verbrannt aussieht und ihm ein paar Haare über dem einen Ohr fehlen. Im Filmwesen ist es natürlich Gang und Gebe, dass Figuren aufgehübscht und ihre Makel abgeschwächt werden, damit sie bei den Zuschauern besser ankommen, doch hier fühlt  sich dies wie ein Betrug an der Geschichte an. Denn nicht nur macht es die Hintergrundgeschichte des von der Gesellschaft Ausgestoßenen und Unliebenswerten völlig unglaubwürdig – der springende Punkt ist doch, dass uns Erik so ans Herz wächst, dass wir ihn am Ende bemitleiden und beweinen können, obwohl sein grässliches Äußeres uns abstößt. Die Figur ansehnlich, sogar attraktiv, sinnlich und sexy zu machen, damit das Publikum sie mag, reißt die gesamte Moral der Geschichte hernieder.

Der Roman ist eine faszinierende Geschichte darüber, wie ein Monster geschaffen wird. Wohl seit es Menschen gibt, erzählen wir uns Geschichten über Kämpfe zwischen dem Guten und dem Bösen. Und weil das Böse uns Angst macht, beschreiben wir es als abstoßende, also innerlich wie äußerlich hässliche Figuren, ja grauenhaft entstellte Kreaturen, damit wir uns davon abgrenzen können. Wir drücken es sogar sprachlich aus: Ungeheuer sind uns nicht geheuer. Besonders offensichtlich zeigt dies sich in Märchen, wo junge, hübsche Prinzen und Prinzessinnen – und die ein oder andere schöne Bauerntochter – über alte Hexen, Biester und Bösewichte obsiegen. In fast poetischer Ironie ist in Leroux‘ Werk das Phantom nun nicht hässlich, weil es böse ist – es ist böse, weil es wegen seines abstoßendes Äußeren stets nur Zurückweisung und Unrecht erfahren hat. Ein Leben voller Ablehnung, beraubt der Erfahrungen von Zuneigung, Intimität, Verständnis und Erbarmen, hat es vereinsamen und verbittern lassen. Die Erkenntnis, dass die Welt ungerecht ist und dass sich, wie bei Erik, niemand um ihn schert, kann dazu führen, dass besagte Person ohne Rücksicht auf Verluste versucht, die eigenen Bedürfnisse selbst zu stillen. Durch das Bild einer inhärent ungerechten Welt löst sie sich von sozialen Normen, wie der gerechten Behandlung anderer. Es ist bedauerlich, eine so tiefgründige Erkenntnis durch Verfallen in Extreme zunichte zu machen, wie es in einigen Adaptionen getan wurde. Das Phantom des Romans ist mehrdimensional – kein sexy Schurke und auch kein zu tötendes Monster.

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Ein Monster aus Deutschland Ein japanischer Autor inszeniert einen Thriller in Mitteleuropa. Dabei zeigt er, wie überraschend real Fiktion werden kann und welches Vermächtnis der Kalte Krieg in der Mitte Europas hinterlassen hat. von gouze An einem verhängnisvollen Tag im Jahr 1986 vollzieht das...
  2. Der Teufel zu Besuch in Moskau: „Der Meister und Margarita“ Die 22. KulturArena startet am 11. Juli mit einer Bühnen-Adaption von Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“. Eine gute Gelegenheit, vorab einen Blick in diesen russischen Roman zu werfen. von David Neben „Satisfaction“ dürfte „Sympathy For The Devil“ der wohl...
  3. Kulturarena: „Die Geister, die er rief…“ Noch bis Sonntag (15.7.) bietet die diesjährige TheaterArena einen klassischen Horror-Stoff: Mary Shelleys “Frankenstein”. von julibee Was einmal in der Welt ist, lässt sich nicht mehr zurücknehmen. Diese Wahrheit wird besonders deutlich, führt man sich das Dilemma des Protagonisten des...
  4. Und sie erinnern sich doch Der Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh erzählt heldenhaft vom Widerstand der Armenier. Eine Geschichte über Grausamkeit und Unrecht, die eine Brücke zwischen armenischer und jüdischer Tragödie schlägt. von gouze Im November 1935 reist der tschechische Jude Franz Werfel...
  5. Rezension: Irgendwo da draußen ist immer ein Job für Super-Karl! Fünf Jahre nach Abschluss der Frank Lehmann-Trilogie schreibt Sven Regener den „Spin-off“-Roman Magical Mystery, in dem er sich der wichtigsten Nebenfigur aus Herr Lehmann widmet: Karl Schmidt. von David Am 9. November 1989 fällt die Mauer – und Karl Schmidt...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>