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Comicstadt Hypezig?

5 Oktober 2017 No Comment

Panel aus "Turing" von Robert Deutsch

Berlin ist als Kultur- und Comiczentrum in Deutschland eine feste Größe. Leipzig – gerne ja als das „neue Berlin“ bezeichnet – zieht mittlerweile mit kleinen, aber feinen Verlagen sowie einer reichen Zeichnerszene nach.

von Frank

Leipzig boomt: Das Zentrum des mitteldeutschen Ländertrios hat in den letzten Jahren nicht nur einen rasanten Bevölkerungszuwachs verzeichnet, sondern gleichsam unzählige Kreative, Künstler – und solche, die sich dafür halten – angezogen. Auch die Zahlen zur Comic-Sektion der Leipziger Buchmesse, die als „Manga Comic Con“ seit 2014 unter eigenem Namen im Verbund mit der „großen“ Verlagsschau stattfindet, sprechen eine deutliche Sprache: Von 31.000 Besuchern im ersten Jahr hat man sich im Jahr 2017 mehr als verdreifacht; auch die Ausstellerzahlen wachsen beachtlich, auf zuletzt etwa 300 – dazu kommen dann freilich noch die Comic-Labels, die auf der „regulären“ Buchmesse vertreten sind. Zeitgleich findet seit mehreren Jahren das alternative Comic- und Graphics-Festival „The Millionaires Club“ in Leipzig statt, das die gebürtige Leipzigerin Anna Haifisch mit sechs Freunden im Jahr 2013 gründete. Haifisch studierte zuvor Illustration an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, ebenso wie Max Baitinger, Mitinitiator des „Millionaires Club”. Beide sind mittlerweile preisgekrönte und über die Stadt hinaus bekannte Comic-Zeichner.

Die Medien „entdecken“ Leipzigs Comiczeichner
Ebenfalls Teil des „Millionaires Club“-Teams ist der aus Florida stammende James Turek, den es vor mittlerweile über sieben Jahren nach Leipzig verschlagen hat. „Wir befinden uns mitten in der Renaissance des deutschen Comics“, ist der US-Amerikaner überzeugt. Vielleicht legte Turek deshalb auch sein Graphic-Novel-Debüt auf Deutsch vor: Motel Shangri-La, erschienen im Berliner Avant-Verlag, bietet einen verrückt-humoreskes Roadmovie mit Wild-West-Atmosphäre, in dem die schicksalhafte Verkettung der Umstände eine bunte Gruppe von Protagonisten – darunter ein Laienprediger, ein entflohener Häftling und ein tiefenentspannter Sheriff – in dem namensgebenden Motel im staubigen Nirgendwo zusammenführt. Auch James Turek hat längst über die Grenzen Leipzigs hinaus Aufmerksamkeit erregt; Deutschlandradio und Tagesspiegel widmeten seinem Motel Shangri-La ausführliche Besprechungen.

Über ähnlich große Resonanz konnte sich der Leipziger Illustrator Robert Deutsch freuen, dessen Comic über den britischen Mathematiker und Computer-Pionier Alan Turing (Turing, ebenfalls bei Avant erschienen) sogar das Feuilleton der ehrwürdigen Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung dazu veranlasste, ihn als einen „der besten deutschen Comic-Zeichner“ vorzustellen. Die Graphic Novel hat ihre Anfänge in Deutschs Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle an der Saale. Neben seiner freiberuflichen Arbeit als Grafikdesigner und Illustrator für verschiedene Magazine kam Robert immer wieder auf das überaus rechercheaufwändige Projekt Turing zurück. Robert, der sich selbst überrascht über die Resonanz zeigt, kennt auch die Comic-Szene Leipzigs: „Es existieren verschiedene Richtungen, die sich um sich sammeln; es gibt verschiedene Stammtische von Kreativen und Comic-Zeichnern. Aber man arbeitet auf keinen Fall gegeneinander.“

Comic-Enten im Museum
Auch wenn viele der in Leipzig ansässigen Comickünstler mittlerweile bei Verlagen jenseits der Messestadt eine Heimat gefunden haben, sind auch die kleinen, aber feinen Comic-Verlage Leipzigs für Fans der Neunten Kunst einen Blick wert, darunter „comicplus+“, wo seit mehreren Jahren klassische Comic-Reihen etwa aus Frankreich oder Belgien sowie die jährlich fortgeführte Reihe Deutsche Comicforschung (herausgegeben von Verleger Eckart Sackmann) als Standardwerk zur Erforschung der Kunstgattung erscheinen.
Dass aber nicht nur eingefleischte Comic-Fans, sondern auch das breitere Publikum in Leipzig für bunte Zeichenkunst zu begeistern ist, zeigte Anfang des Jahres das Stadtgeschichtliche Museum, wo mit der Ausstellung „Duckomenta – Entenhausen in Leipzig“ für mehrere Monate die verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte aus dem Paralleluniversum der weltberühmten Enten um Donald und Co. heraus betrachtet werden konnten. Die Initiative, die augenzwinkernde Entenschau nach Leipzig zu holen, ging vom Direktor des Museums, Volker Rodekamp, aus, der die Ausstellungsidee „Duckomenta“ bereits seit längerem auf dem Radar gehabt hatte, war sie doch in der bundesweiten Museumslandschaft bereits durchaus bekannt. Ein Aspekt war dabei wohl auch, dass die Ausstellung in umfangreicher Form bis dahin noch nicht in den neuen Bundesländern zu sehen gewesen war. Mit der (neuen?) Comic-Stadt Leipzig hatten die Enten da wohl ein sehr passendes Zuhause gefunden.

Weitere Infos im Web:
manga-comic-con.de
themillionairesclub.tumblr.com
comicplus.de

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