Home » LebensArt, Leitartikel

„Jeder Mensch hat eine dunkle Seite“

15 August 2016 No Comment

Der niederländische Zeichner Erik Kriek liefert mit In the Pines die Comic-Adaption amerikanischer Folk-Songs, sogenannter „Murder Ballads“. Uns verriet er, wieso ihn Detektivgeschichten langweilen und was ihn am menschlichen Bösen fasziniert.

unique: Wie kommt eigentlich ein niederländischer Zeichner dazu, ausgerechnet amerikanische Folk-Songs zu adaptieren?
Erik: Ich wohne zwar in den Niederlanden, aber bin natürlich ein Weltbürger (schmunzelt). Ich bin mit amerikanischer Pop-Kultur aufgewachsen und mag diese Art Musik sehr gerne, schon seit über zwei Jahrzehnten – mit meinem Bruder habe ich auch längere Zeit eine Folk-Band gehabt. Für die CD zu dem Buch, die eine befreundete Band eingespielt hat, habe ich selbst auch etwas eingesungen.

Es gibt ja zahllose dieser „Murder Ballads“ zu schaurigen Verbrechen. Wonach hast du deine Auswahl für das Buch getroffen?
Ich habe einerseits natürlich nach persönlicher Vorliebe ausgewählt. Aber ich wollte keine Eins-zu-Eins-Adaption machen; die Erzählungen der „Murder Ballads“ sollten also Startpunkt für meine eigene Geschichte sein. Eigentlich habe ich diese Lieder benutzt, um eigene Storys zu erzählen. Es fängt an mit einer Szene, die ich im Kopf habe. Und von dieser Szene baue ich dann eine Geschichte. Außerdem habe ich ein bisschen auf Vielfalt und Abwechslung geachtet, denn im Grunde sind ja viele der „Murder Ballads“ sehr ähnlich. Ich hätte auch noch 20 mehr machen können.

Woher kommt die Faszination für diese Mordgeschichten, die immer wieder Künstler – wie dich, aber auch Johnny Cash oder Nick Cave – diesen Stoff aufgreifen lässt?
Na ja, Geschichten über glückliche Menschen sind langweilig: Sie verlieben sich, leben noch lange und glücklich – Ende. Aber wenn man das kaputt macht, ein bisschen Drama reinbringt, dann wird es interessant. Und ein Mord ist natürlich ein sehr dramatisches Ereignis, das Folgen für jeden der Beteiligten hat. Aber er steht nicht unbedingt am Anfang oder am Ende der Geschichte. Das wichtigste für mich war, dass keine Detektivgeschichte erzählt wird, eine Überführung des Täters, so etwas finde ich nicht interessant. „Natürlich, es war der Vater! Oder dieser eine Typ, den wir am Anfang mal kurz gesehen haben.“ – solche Storys finde ich langweilig.

Du hast zuvor bereits Schauergeschichten von H. P. Lovecraft als Comic adaptiert. Woher dein Interesse für menschliche Ängste?
Das werde ich oft gefragt, aber ich habe keine wirkliche Antwort darauf. Ich denke es liegt daran, dass ich selbst ein sehr glückliches Leben habe: Ich bin sehr positiv eingestellt, es gab niemals Gewalt in meinem Leben… vielleicht fühle ich mich selbst besser, indem ich diese dunkle Seite untersuche. Mich hat das immer fasziniert.

Ist das menschliche Böse für dich denn etwas Absolutes oder wird es gesellschaftlich definiert?
Ich glaube, jeder Mensch hat eine dunkle Seite. Das macht es interessant. Aber auch die Mörder in den von mir adaptierten „Murder Ballads“ sind ja keine „Monster“, sondern eigentlich normale Leute. Eigentlich kann das jedem passieren.

Der Rabe auf dem Cover von In the Pines erinnert sofort an Edgar Allan Poes Gedicht „The Raven“. Könntest du dir vorstellen, auch Comics zu Poe zu zeichnen?
Der Rabe ist ein Botschafter des Todes, das passte also sehr gut. Poe adaptieren, vielleicht – ich bin jetzt ein bisschen fertig mit Adaptionen; jetzt möchte ich eher erst einmal eigene Geschichten machen. Comic-Zeichnen ist für mich immer eine Entdeckungsreise: Ich weiß niemals, wo ich damit hingehe. Auch In the Pines ist ganz anders geworden, als ich am Anfang gedacht habe.

Wir danken dir für das Gespräch!

Das Interview führte Frank.

(Foto: privat)

(Foto: privat)

Erik Kriek, geboren 1966 in Amsterdam, ist neben seiner Arbeit als Comic-Zeichner vor allem als Illustrator für niederländische Zeitschriften tätig. Sein In the Pines ist im avant-Verlag erschienen.

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Der Mensch als Datenmenge Die USA diskutiert über einen Ausschaltknopf für das Internet, um sich vor ausländischen Hackern zu schützen. Doch wie kann sich das Individuum absichern? Eine theatrale Recherche. von Elisa Ein nettes Gespräch zwischen zwei Fremden. Es wird sich amüsiert, gelacht und...
  2. „The Cut“ – die Kunst, ein Mensch zu bleiben Im dritten Teil seiner Trilogie „Liebe, Tod, Teufel“ schickt Regisseur Fatih Akın seinen Protagonisten auf eine Suche, die nur bei sich selbst enden kann. von Babs Keine Worte für etwas zu haben ist der Ausdruck höchsten Entsetzens – einer...
  3. Es war einmal… Der Mensch und die Natur Das Anthropozän ist keine feste „Realität“, sondern in erster Linie ein Narrativ, das zur Diskussion und Debatte einlädt. Dabei drohen die Grenzen zwischen Wissenschaft, Publizistik und PR manchmal zu verschwimmen. von Lara Es ist ein Einstieg, wie man ihn...
  4. Einfach Mensch sein Ali Al Jallawi und die Poesie eines Aufständischen von bexdeich und Sena „Meinst du, eine Biene weiß, warum sie Honig macht?“, bekommt man zur Antwort, wenn man Ali Al Jallawi fragt, warum er angefangen habe zu schreiben. Im Alter von...
  5. Aus dem “Ausland”: Witze über Deutsche oder: …mal von der anderen Seite aus gelacht How do you make a German chocolate cake? First, you occupy their kitchen. What’s cannibalism? Germans eating pork. A house, inhabited by a Greek on ground level, an Italian on first floor and a German on second, got on fire....

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>