Blinder Gehorsam – Verzicht auf Widerstand in Asien
Gewaltfreier Widerstand ist heutzutage in der westlichen Kultur allgemein anerkannt: Wir zitieren das Gebot, dass man auch noch die zweite Wange hinhalten soll und manch einer hat vielleicht sogar selbst schon einmal an einer Sitzblockaden oder einer ähnlichen Protestaktion teilgenommen. Bei diesem gewaltfreien Widerstandskonzept wird immer wieder auf die anscheinende Parallelität zu asiatischen Kulturen hingewiesen. Oft werden asiatische Kampfsportarten als Beispiel genannt: Erst das bewusste Zurückweichen, der Verzicht und nicht der direkte Angriff auf den Gegner verleiht dem Kämpfer Stärke!
Betrachtet man das asiatische Widerstandskonzept allerdings genauer, stellt man schnell Unterschiede fest: Bereits in der Bhagavad Gita, den alten indischen Texten heißt es nämlich beispielsweise: “Wer keinen Widerstand entgegensetzt, wird nicht verletzt” Offensichtlich ist das Widerstandskonzept hier also doch mehr als nur Gewaltverzicht. Es geht nicht nur um gewaltfreien Widerstand, sondern um den Verzicht auf Widerstand insgesamt. Wie aber soll man keinen Widerstand entgegensetzen, ohne zugleich Opfer zu werden? Der asiatische Widerstandsverzicht läuft hier Gefahr, als “blinder Gehorsam” missverstanden zu werden. Das wäre allerdings ungerechtfertigt. Wenn man das asiatische Konzept verstehen will, muss man sich mit dem zugrundeliegenden Weltbild beschäftigen:
In den asiatischen Kulturen wird eine Aufteilung der Welt in Gut und Böse abgelehnt. Dadurch ist es dann auch nicht mehr automatisch möglich, zwischen Opfern und Tätern zu unterscheiden. Unrecht entsteht, wenn die Weltordnung in Ungleichgewicht geraten ist. Unrecht ist deshalb also nicht einfach die Schuld eines Täters, sondern seine Ursachen müssen in der ganzen Gesellschaft gesucht werden. Hintergrund für diese Sichtweise ist das Vertrauen in eine gute Weltordnung auf die man sich einlassen und in der man aufgehen kann. Lao Tse sagte “Ich wirke nicht, so entfaltet sich das Leben.”
In diesem Zusammenhang macht das Gebot des Widerstandsverzicht dann durchaus Sinn. Nur wer versucht, sich selbst zurückzunehmen und in der Weltordnung aufzugehen, sorgt dafür, dass die Weltordnung nicht aus dem Gleichgewicht kommt. Auch unser Konzept des gewaltfreien Widerstandes ist vor diesem Hintergrund tragfähiger: In welcher Welt macht es nämlich nur Sinn, die andere Wange hinzuhalten? In einer Welt, in der dann niemand ein zweites Mal zuschlagen würde.
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