Bald rollt der Dollar und Ho wacht drüber Eine Reise durch Vietnam
Irgendwann am Anfang der zweiten Woche einer vierwöchigen Reise kaufte ich ihn, den Spitzhut Vietnams, den alle älteren und armen Menschen in Vietnam immer tragen. Er ist überall. Ab dem Zeitpunkt ging alles besser. Von da an lächelten die Menschen anders, als sie uns “westeners“ vorher angelächelt haben, wir, die wir dort so groß und dick erscheinen. Nach zwei Wochen bewegten wir uns ruhiger durch die Straßen Saigons und später Hanois. Denn Vietnam ist in Südostasien, und die geographische Ferne könnte man metaphorisch auch für die kulturelle Ferne setzen. Oder sollte ich es “Fremde“ nennen, weil es eben jene kulturelle Unterschiedlichkeit war, die uns in den ersten Wochen wirklich zu schaffen machte.
Warum das südchinesische Meer eigentlich vietnamesisches Meer heißen sollte…
Und in der Tat wissen wohl die Wenigsten näheres über dieses Land. Dabei könnte man wetten, dass sich das in den nächsten Jahren ganz sicher ändern wird. Vietnam ist nicht nur wirtschaftlich im Aufschwung begriffen und gewinnt zunehmend an ausländischem Interesse nicht nur für Investoren und andere Bereiche, bald ist es auch nicht mehr der Geheimtipp für Rucksackreisende nach Südostasien. Das war das Land nämlich bisher noch, doch macht ihm diesen Rang gerade das kleinere Laos streitig. Dennoch boomt eben jener Tourismus in dieser Ecke Asiens, auch wenn die Zahlen die von Thailand noch lange nicht erreichen. Dabei sind, wenn man sich etwas stärker mit Vietnam beschäftigt, die Beziehungen zwischen den einzelnen Nachbarländem unübersehbar. Die Vietnamesen, im Fadenkreuz chinesischer, malaysischer und indischer Einflüsse, hatten es nie leicht, eigene ethnische Charakterzüge zu behaupten. Wenn man jedoch der Legende glaubt, so stammen die Vorfahren der heutigen Vietnamesen aus dem Norden des Landes und wurden einst vor 4000 Jahren von den
18 Hung-Königen regiert. Jene Könige waren aus der Verbindung eines Drachen und einer unsterblichen Frau hervorgegangen und so, folgt man den Spuren der Legenden weiter, entstand nach dem Geist der “Goldenen Schildkröte‘ ein neues Königreich Au Lac. Das fiel alsbald unter südchinesische Herrschaft, des so genannten Königreichs Nam Viet, und sollte für 1000 Jahre bestehen. Währenddessen wurde der Süden von den indischen Königreichen der Cham und Khmer regiert. Was nun folgte, ist eine lange Geschichte des Widerstandes gegen Einfälle von außen und Ausbeutung, besonders durch die Chinesen. Noch heute erinnern die Straßennamen zentraler Viertel von Städten an den Kampf vietnamesischer Patrioten gegen diese Eindringlinge. Beispielsweise gibt es überall eine Dien Bien Phu – Strasse, an diesem Ort erlitten 1954 die verheerende Niederlage, die schließlich zum Ende der französischen Kolonialherrschaft in Vietnam führte. Die Amerikaner sollten die letzten Besetzer Vietnams sein, die unter dem Vorwand, der andauernde Bürgerkrieg im Süden sei kommunistisch motiviert und unterstützt und würde sich bald auf den ganzen südostasiatischen Raum ausbreiten, einmarschierten.
Geographisch erstreckt sich Vietnam über 1600 km entlang der Ostküste der Halbinsel Hinterindien und ist fast so groß wie Deutschland. Die Vietnamesen selbst vergleichen die Form ihres Landes mit dem traditionellen Bambusrohr, an dem an beiden Enden ein Reiskorb hängt. Noch nördlich des Äquators liegend, herrscht im Land tropisches Monsunklima. In den beiden Flussdeltas, den fruchtbarsten Gebieten Vietnams, im Norden das des Roten Flusses und im Süden des Mekong, wohnt die Mehrheit der Bevölkerung, und nach dieser geographischen Struktur teilt sich das Land auch ein. Man ist, grob gesehen, entweder Nordvietnamese oder Südvietnamese, und manchmal eben auch aus Zentralvietnam. Neben den alles bestimmenden Flüssen dominiert ein Gebirgshochland im Norden, das sich als Gebirgskette an der Grenze zu Laos und Kambodscha weiter entlang zieht. Heute zählt das Land nicht fast Millionen Einwohner. Darunter fallen jedoch ungefähr zehn Prozent mehrerer ethnischer Minderheiten, nicht-vietnamesische Völker der Region, die vorwiegend in den Bergen leben.
Trotz bereits erwähnten wirtschaftlichen Aufschwungs darf man nicht auslassen, dass Vietnam mit einem pro Kopf Einkommen von 370 US-Dollar noch immer eines der ärmsten Länder der Welt ist. Die sozialistische Planwirtschaft der ersten 10 Jahre nach 1975 war wenig erfolgreich, um die enormen Kriegsschäden zu beseitigen und die allgemeinen Lebensbedingungen zu verbessern. Jene Entwicklung verhinderte darüber hinaus ebenso effektiv das erst 1994 aufgehobene, amerikanische Wirtschaftsembargo über Vietnam. Trotz radikaler Öffnung zur Marktwirtschaft, die seit der Einführung des Doi Moi Reformprogramms 1986, einer Art vietnamesischen Perestroika, spürbar ist, heißt Vietnam politisch bis heute offiziell “Sozialistische Republik Vietnam“. Der Führerkult um Ho Chi Minh wird weiterhin praktiziert. Das ergibt eine eigenwillige Mischung in dem Land.
Vietnam ist ein armes Land und jeder hat seine Überlebensmechanismen entwickelt. Trotz guter Ausbildung sind viele Menschen arbeitslos und die Unterschiede zwischen Arm und Reich wachsen stetig. Um alles vom Leben in Vietnam kennen zu lernen, muss man, wie oft in warmen Ländern, eigentlich nur auf die Straße gehen. In den kleinen Gassen der Städte sitzen die Leute vor ihren Häusern, die jeweils nur so breit wie ein Zimmer sind und geradewegs auf die Straße führen. Wer in Vietnam mehr Platz will, wird einfach immer eine Etage drauf setzen, selten eines daneben. Ein Fernseher läuft fast überall und die Serien, die sich immer um junge Leute und eine Liebegeschichte drehen – das erkennt man auch als Ausländer – bannen Jung und Alt. Da muss man dem Verkäufer schon mal nachsehen, wenn er mit beiden Augen der TV-Geschichte folgend unachtsam das Gekaufte einpackt. Ebenso auf und von der Straße leben die improvisierten Stände mit Nudelsuppe oder anderen selbst gekochten Mahlzeiten. Nudelsuppe scheint zu jeder Tageszeit essbar zu sein und ist obendrein am billigsten – dreißig Cent. Ich gewöhne mich schnell an Suppe mit Huhn zum Frühstück. Auf dem Markt, den man ganz bestimmt um eine der nächsten Ecke findet, kauft man Ananas und Bananen – und probiert nebenbei vielleicht eine von den Früchten, die man als Deutscher noch nie gesehen hat. Ansonsten würde man auch alles Weitere von den Frauen in den dunklen, dicht gedrängten Ständen der Märkte bekommen können. Beim Preis wird es jedoch immer heikel. “Man soll immer handeln“, hat man uns gesagt, weil die Preise oft beim sechs-, sogar zehnfachen angesetzt seien, besonders wenn ich “westener“ bin; also sind wir zurückhaltend aus Unsicherheit und Ungewohnheit. Uns fehlen ja auch die vietnamesischen Worte. So kaufen wir manchmal überteuert aus Bequemlichkeit, oder versuchen unser Händlerglück der Erfahrung willen. Wir lernen, dass Preise in der Tat flexibel sind und fast immer durch pure Hartnäckigkeit entschieden werden. Toll ist, dass wenn eine Seite seinen Preis errungen hat, der Deal perfekt ist und das Restgeld für die große Geldnote auf Heller und Pfennig herausgegeben wird. Nach vier Wochen in Vietnam würde ich nichts mehr kaufen, ohne ein einziges Mal über den Preis geredet zu haben.
Vor jedem Haus steht in einer kleinen Ecke ein noch kleinerer Tempel, er ist von Früchten wie Ananas, Melone und Bananen übervoll. Räucherstäbchen verbreiten einen angenehmen Duft. In Vietnam bekennt sich die Mehrheit der Menschen zum Mahayana-Buddhismus.
Internetcafs findet man mittlerweile auch problemlos, gleichwohl es sich auch um Schulungszentren für Informatik/ IT handeln kann. Hier war uns oft die sehr seichte Musik aufgefallen, die wir später in Bar-ähnlichen Lokalitäten, wo anscheinend das Nachtleben für die durchschnittlich 18- 22 jährigen der Stadt stattfand, wieder hörten. Am letzten Tag erstanden wir eine Kopie davon (womit ich tatsächlich eine (Raub-)Kopie meine) in einem Geschäft mitten in Hanoi.
Anschließend an den Bürgersteig und die Händlern beginnt schließlich die Straße – und damit der Verkehr. Hier, wie schon vorher herrscht eine enorme Geschäftigkeit. Menschen auf Motorrädern treiben bei Tempo 30-40 im gleichmäßigen Strom mit der Masse mit, halten plötzlich an, um etwas von einem Straßenhändler zu kaufen oder das Motorrad neben die vielen anderen auf den Bürgersteig zu schieben. Für Fußgänger ist hier kein Durchkommen mehr. Autos gibt es kaum. Im Übrigen wird jeder, der irgendwie auf einem Motorrad noch Platz findet, auf dem Rücksitz mitgenommen. Wenn es kein Motorrad gibt, dann hoffentlich einen Gepäckträger auf einem Fahrrad als Mitfahrgelegenheit. Ebenso müssen andere Waren wie Lebensmittel, Verkaufswaren, Haustiere, Möbelstücke u.a. transportiert werden. Das funktioniert oft nur, indem man Ladeflächen anbringt und alles mit Schnüren festbindet. Transportmittel sind in unterentwickelten Ländern immer eine interessante Sache – sie sind immer knapp, und immer bis aufs Äußerste strapaziert. Neben diesen Äußerlichkeiten, die dem westlichen Touristen sofort ins Auge fallen, bleiben viele Fragen über die private Art des asiatischen Zusammenlebens. Beispielsweise herrschen andere Rhythmen, ob es das Aufstehen, Schlafen, Essen anbetrifft oder die Zeit an sich. Um sechs Uhr morgens steht man in Vietnam im Durchschnitt auf und hat vielleicht sechs bis sieben Stunden geschlafen. Viele Menschen, vor allem alte, machen dann für ein oder zwei Stunden Gymnastik, Dehnübungen, oft auch Tai-Chi – im morgendlichen Halb- dunkeln kann man die ruhigen, nach Ausgleich suchenden Bewegungen in den Hauseingängen oder besonders im nächstgelegenen Park beobachten. Im großen, öffentlichen Lenin-Park in Hanoi schienen professionelle Badminton-Matches zwischen befreundeten Ehepaaren gerade der absolute Renner zu sein, gefolgt vom westlichen Aerobic. Wenn es dann acht Uhr wird, ist schlagartig Schluss mit dem Morgenprogramm, die Parkanlagen leeren sich, alle gehen der Tagesbeschäftigung nach.
Vietnam begrüßt den Tourismus im Land, viele Gebäude werden im Zuge eines Förderprogramms des Staates renoviert – mit dem Geld verbessert sich das Leben vieler, so sagen sie. Man kann nur hoffen, dass Vietnam die bevorstehenden Veränderungen zu balancieren lernt und Traditionen und Kultur nicht erodieren.
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