Wir sind Erdzeitalter!

Foto: © NASA

Zur Einführung: Was ist das Anthropozän?

Dieser Tage, so scheint es, braucht es nicht viel, um eine Epoche zu begründen: Keine zwei Jahrzehnte, nachdem der Begriff das erste Mal öffentlich diskutiert wurde, hat sich der Gedanke des Anthropozäns wie kaum ein anderer geologischer Terminus über sein Fachgebiet hinaus verbreitet. Die Idee, dass der Mensch das geologische Erscheinungsbild des Planeten nachhaltig genug prägt, um zum Definitionsmerkmal eines erdgeschichtlichen Zeitalters zu werden, ist dabei keinesfalls neu, denn schon im 19. Jahrhundert findet sich der Gedanke einer „Anthropozoischen Ära“. Doch im Jahr 2000 trifft er den Zeitgeist: Das Anthropozän spiegelt das durch Klimawandel und Atomtestrückstände immer weiter ins Bewusstsein rückende Gefühl wider, dass wir über die Macht verfügen, diesen Planeten für Jahrmillionen zu verändern. Die Menschheit wird zu einem wichtigen geologischen Einflussfaktor deklariert, vergleichbar mit Vulkanismus oder Plattentektonik.
Doch so einfach lässt sich ein Erdzeitalter nicht begründen. Verantwortlich für die erdgeschichtliche Zeitskala und damit für die Entscheidung, ob das Anthropozän als Teil davon aufgenommen werden soll, ist die Internationale Stratigraphische Kommission (ICS). Als eine ihrer internationalen Expertenkommissionen, die 2009 ins Leben gerufene Arbeitsgruppe Anthropozän, letztes Jahr die Empfehlung aussprach, die Einstufung als erdgeschichtlichen Zeitabschnitt anzuerkennen, war dies lediglich die Grundsteinlegung für einen Prozess, der durchaus noch viele Jahre dauern kann. Für eine geologische Epoche bedarf es zweifelsfreier Rückstände in Gesteinsschichten; menschlicher Fußabdrücke, die noch Millionen von Jahren überdauern. Kandidaten gibt es dafür viele: Der Mensch gräbt in Bergwerken und U-Bahn-Tunneln seine Fossilien selbst ein, Plastik und Beton lagern sich  als künstliche Gesteinsschichten an und die in nuklearen Explosionen frei gewordenen radioaktiven Isotope finden sich in Eisbohrkernen und Gesteinsproben wieder.
Ein solcher Beleg könnte auch eine zeitliche Einordnung erleichtern. Denn über den Anfang des Anthropozäns herrscht keinesfalls Einigkeit. Die großen Umbrüche der Industrialisierung werden oft als Beginn der Epoche vorgeschlagen. Andere gehen weiter in der Menschheitsgeschichte zurück. Die Arbeitsgruppe Anthropozän des ICS hingegen verortet den Anfangspunkt um 1950:  Der Beginn der ersten Atomwaffentests und Zeit eines beschleunigten Gesellschaftswachstums. Sedimente könnten einen „Golden Spike“ liefern: einen Zeitpunkt, an dem eine weltweite Veränderung im Gestein auftritt und der somit ein klares Anfangsdatum markiert.
Ein solches könnte die Chancen des Anthropozäns erhöhen, durch die weiteren Instanzen zu kommen. Im nächsten Schritt muss die ICS auf Basis der Empfehlung der Arbeitsgruppe ihr Urteil aussprechen. Die endgültige Entscheidung trifft dann die International Union of Geological Sciences. Viele Geowissenschaftler stehen dem Anthropozän jedoch skeptisch gegenüber: Nach nur wenigen Jahrzehnten eine geologische Epoche einzuführen, deren Zeitskala üblicherweise eher bei Jahrmillionen liegt, erscheint vielen zu früh; zudem wird der Gedanke eines menschlichen Erdzeitalters als anthropozentrisch und undifferenziert kritisiert. In der Zwischenzeit scheint die außerwissenschaftliche Gesellschaft hingegen längst im Anthropozän angekommen zu sein. Kritiker beanstanden den politischen Beigeschmack, ein Kommentar im Fachmagazin Nature spricht von einem „Begriff, der schön verpackt als Waffe für beide Seiten der politischen Schlacht um das Schicksal des Planeten“ genutzt wird. 2014 ins Oxford English Dictionary aufgenommen, ist der Begriff vielerorts zum Schlagwort für die Probleme unserer Zeit geworden.

alle Artikel zum Anthropozän:
Lokal global denken: Plastikfreies Jena?
„Weg von den Eisbären“
Satelliten und Datenpunkte: Dem Wald beim Wachsen zusehen
Visionen für eine bessere Welt
Choreographie der Wassermassen im sowjetischen Stil
Zeugnisse menschengemachten Verlusts
Es war einmal… Der Mensch und die Natur
Kolumne: Rosen und der Duft des Anthropozäns


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