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Am Ende kommen Touristen

15 Juli 2009 No Comment

von Luth

Nur selten wird die Frage nach den sozialen und kulturellen Auswirkungen des globalen Massentourismus’ gestellt. Was aber verändert er in einem ligurischen Fischerdorf am gesellschaftlichen Zusammenleben, wenn die Einwohner in einem nonstop geöffneten Touristenmuseum leben? Wie reagiert die Bevölkerung der größten Ostseeinsel auf die alljährliche Invasion erholungssuchender Badeurlauber? Eine kulturpessimistische Weltreise mit drei Zwischenlandungen.

Die vom internationalen Flugverkehr kerosinvernebelten Nordatlantikrouten oder die mit klobigen Hotelburgen versiegelten Küstenstriche der spanischen Costa del Sol – für die ökologischen Folgen des Massentourismus’ muss man niemanden mehr sensibilisieren. Das Problem wird zwar weiter ignoriert, wurde als solches aber erkannt, sogar von den Verursachern selbst. Dass jedoch ein Ort, der im Winter 500 Einwohner hat, im Sommer aber von Hunderttausenden Touristen überrannt wird, hinterher nicht mehr derselbe sein kann, dafür gibt es praktisch kein Problembewusstsein. Eindeutig Schuldige sind kaum ausfindig zu machen, schließlich profitieren vom Tourismus beide Seiten. Oder nicht?

Insel Rügen: Der Sylter Weg

Noch vor 20 Jahren stand zwischen erholungssuchenden DDR-Familien und dem Strandurlaub auf Rügen die harte Geduldsprobe im Stralsunder Endlosstau vorm Rügendamm. Seit 2007 rollen die Blechlawinen nun flüssig über die monströse Strelasundquerung auf die Insel der Hünengräber und Kreideküsten. Die Fahrt geht vorbei an schicken Golfresorts, Ökobauernhöfen, schwedischen Ferienhäusern mit Reetdach-Optik, Tschutschu-Bahnen voller Rentner, direkt am Meer errichteten Wellnessthermen, Dinosaurierparks und Piratenfreilichtbühnen.

In Urlauberghettos wie Göhren oder Sellin sieht es längst aus wie auf Sylt, keine touristische Dienstleistung, die nicht im Angebot wäre. Keine Frage, man kann sich wohl fühlen auf Rügen, und auch die allerorts Sanddornhonig oder Heringbrötchen verkaufenden Einheimischen verdienen nicht schlecht am Tourismus. Längst haben sie sich damit abgefunden, dass ihnen große Teile der Insel höchstens noch im verregneten November gehören. In einer ansonsten strukturschwachen Region bleiben auch kaum andere Perspektiven.

Erst in der Nebensaison werden die Schattenseiten des boomenden Fremdenverkehrs und die Selbstaufgabe ganzer Landstriche auf Rügen sichtbar: Von den alten Dorfgemeinschaften nahezu entkernte Orte wie Putgarten leben fast nur noch vom saisonalen Verkauf hässlichen Töpfernippes’, im Winter bildet die Hauptstraße einen verwaisten Korridor verrammelter Ladentüren. Auch die grellbunten, menschenleeren Schwedenhäuser auf der grünen Wiese passen nun noch weniger ins Landschaftsbild, ihre Eigentümer sind längst zurück in Köln oder Berlin. Busse fahren nicht mehr, das Putbuser Theater hat geschlossen, der insulare Veranstaltungskalender verzeichnet als Tageshighlight das Garzer Kaninchenzüchtertreffen. Bonjour tristesse!

Und wenn mal wieder eine Wahl ansteht, hängen an den Dorfstraßenlaternen ausschließlich NPD-Plakate. Paradoxerweise geht der aus dem Inseltourismus erwachsende Wohlstand nicht einher mit wünschenswerten Wahlergebnissen. Auch bei den Rüganern wächst das Gefühl der Perspektivlosigkeit, es grassieren Überfremdungsängste. Ist die hochsommerliche Gastfreundschaft also doch nur kühl kalkulierender Opportunismus?

Cinque Terre: Massentouristischer Erstickungstod

Die fünf Fischerdörfer an der italienischen Riviera – schon lange kein Geheimtipp mehr, auch wenn diverse Reiseführer hartnäckig das Gegenteil behaupten – sind ein extremes Beispiel für den soziokulturellen Wandel einer ganzen Region. Lebten die Einwohner früher vom Fischfang sowie von Wein-, Zitrusfrüchten- und Olivenkulturen, die sie in den steil zum Meer abfallenden Berghängen anbauten, dreht sich in Vernazza oder Corniglia heute alles um den Massentourismus – wobei der Begriff in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist. Die vernachlässigten Terrassenkulturen sind – obwohl zwischenzeitlich zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt – in ihrer Existenz bedroht, das Abrutschen ganzer Hänge droht.

Wer an einem Junisamstag auf dem Bahnhof von Manarola aussteigt, um auf der Via dell’Amore nach Riomaggiore zu lustwandeln, wird wenig Freude haben. Der gebührenpflichtige „Romantikpfad“ entlang der Steilküste ist so potteben mit Spritzbeton planiert, dass die Wanderung den Nervenkitzelfaktor einer „Golden Girls“-Episode hat. Statt genießerisch aufs Mittelmeer blicken zu können, rivalisiert man mit anderen Touristen um jeden Meter an Vorwärtsbewegung.

Einst hatten sich die Einheimischen noch erfolgreich gegen den Bau einer Erschließungsstraße gewehrt, die einen besseren Zugang zu den abgelegenen Orten ermöglicht hätte. Zur Arbeit nach Genua pendeln sie heute ironischerweise über dieselben zugeparkten Serpentinen, die den Tagestouristen auf umgekehrtem Wege als Einfallschneisen dienen. Und die wenigen Indigenen verkaufen heute Eis oder regionale Handwerksprodukte, wenn sie nicht gerade „authentische“ Volksfeste nach dem Geschmack der Touristen organisieren. Selbst bei den regionaltypischen Reliquienprozessionen sind die Ligurer nicht mehr unter sich, die Andacht erstirbt im Blitzlichtgewitter Hunderter Digicams.

Monument Valley: Weites Land, arme Rothäute

Biegt man in Utah an der Kreuzung von Interstate 163 und Monument Valley Road nicht nach links zu den weltberühmten Tafelbergen, sondern nach recht ab, gelangt man nach Oljeto Mesa, eine Siedlung der Diné – hierzulande besser bekannt als Navajo-Indianer. An verrosteten Autowracks, leeren Gasflaschen, aufgebockten Mobile Homes und einem geschlossenen 70er-Jahre-Motel vorbei erreicht man die einzige Shopping Mall dieses trostlosen Fleckens. Vorm Eingang sitzt ein alter Mann und trinkt Schnaps. Willkommen im Herzen des Navajo-Nation-Reservats, dem größten Indianerreservat der USA. Wir hatten uns verfahren: „Wrong way, you should have turned left!“

Nach fünf Minuten Fahrt in entgegengesetzter Richtung weist uns ein weiterer Diné am Visitor Center des Monument Valley den Weg zum Scenic Drive. Die Pano­ramapiste ist im gleichen Maße holprig wie das Visitor Center armselig aussieht. Wir sind einigermaßen überrascht: Vom staatlichen Nationalparksystem der USA waren wir ein professionelles Marketing mit Hochglanzbroschüren und eine perfekte Infrastruktur mit asphaltierten Straßen gewöhnt – im Monument Valley dagegen wirken selbst die Flyer improvisiert. Das Merchandising beschränkt sich auf einen einzelnen, klapprigen Holztisch mit Türkisschmuckimitaten.

Obwohl das Monument Valley zu ihrem Reservat gehört, kommt der touristische Geldsegen bei den Diné nicht an. Indianische Stammestradition scheint sich in den USA im Betreiben von Spielhöllen in Nevada und in der Verwaltung weniger Touristenattraktionen zu erschöpfen. Tatsächlich ist die Armut im Reservat bedrückend: Fast die Hälfte der rund 300.000 Diné lebt unterhalb der Armutsgrenze, ihr Pro-Kopf-Jahreseinkommen beträgt nur rund ein Drittel des US-Durchschnitts, die Arbeitslosenrate ist mit rund 40 Prozent exorbitant. Abgesehen vom Uranbergbau, in dem viele Navajo arbeiten (müssen), gibt es zu kaum verarbeitende Betriebe und keine eigene Dienstleistungswirtschaft.

Jeder von uns ist ein Tourist und selbst Teil des Problems. Sich ohne Überheblichkeit und Heuchelei über die sozio­kulturellen Auswirkungen des Massentourismus’ zu beschweren, ist daher gar nicht möglich – schließlich möchte nicht mehr jeder Rüganer von der Landwirtschaft und nicht jeder Ligurer vom Fischfang leben. Spontan nach links und nicht nach rechts abzubiegen, ist manchmal aber schon ein Anfang …

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