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6 aus 1001 Vorurteilen

29 Oktober 2009 One Comment

Nicht immer basieren Vorurteile auf bösen Intentionen oder Ignoranz gegenüber dem Fremden. Gerade wenn man keine Möglichkeiten hat, seine Klischees am Gegenüber zu entkräften, werden rassistische Stereotype aber schnell Teil der eigenen Überzeugungen. Wir haben fünf renommierte Islamexperten gebeten, sich für uns mit einigen der häufigsten Vorurteile über Muslime und den Islam zu befassen.

Vorurteil 1: Muslimische Jugendliche sind überdurchschnittlich gewaltbereit.

Der Experte sagt dazu: „Muslimische wie christliche Religiosität scheint eher gewaltmindernd zu wirken, einige Terrroristen können nicht für die Haltung aller Muslime missbraucht werden. Im Jugendalter ist nicht die Religionszugehörigkeit die wesentliche Determinante, sondern es sind v.a. biografische (Kindheitserfahrungen, Erziehung), personale (Temperament, Geschlecht) sowie situative Bedingungen (akt. Lebenslage, Zukunftsperspektiven etc.) verantwortlich. Bei einem Vergleich an Hauptschulen wiesen türkische/muslimische Schüler keine signifikant höhere Gewalttatrate auf.“

PD Dr. Haci-Halil Uslucan (Vertretungsprofessor Pädagogische Psychologie, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg)

Vorurteil 2: Der islamische Jihad zwingt Muslime weltweit zum Kampf gegen den Westen.

Der Experte sagt dazu: „Die islamischen Juristen (fuqahâ’) der Frühzeit haben den Jihad zu einer Pflicht der Gemeinschaft, nicht eines jeden einzelnen Muslims erklärt. Mit dem Ende der islamischen Expansion wurde aus dem Jihad ein Verteidigungskrieg. Heute meint der Begriff die  Verpflichtung zu moralischer Vervollkommnung des Gläubigen. Im Lichte des klassischen islamischen Rechts ist der Aufruf zum Jihad seitens selbst ernannter Glaubenskrieger eindeutig ein Missbrauch des Begriffs.“

Prof. Dr. Udo Steinbach (Islamissenschaftler und ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Orientinstituts)

Vorurteil 3: Der Antisemitismus ist in der islamischen Welt historisch verwurzelt.

Der Experte sagt dazu: „Im Islam fasste der Antisemitismus niemals Fuß. Juden und Christen wurde stets erlaubt, ihren eigenem Glauben und Gesetzen zu folgen. Grund für diese tolerante Einstellung ist die Moral des Qurans, die rät, freundliche Beziehungen zum „Volk des Buches“ (d.h. zu Juden und Christen) zu pflegen. Zugegeben, der Zionismus belastet diese Freundschaft. Dies sollte jedoch niemals zu unrechten Handlungen führen. Juden leben größtenteils immer noch friedlich mit Muslimen gemeinsam. Die meisten Synagogen im islamischen Raum befinden sich z.B. im Iran.“

Ender Cetin (Erziehungswissenschaftler, Turkologe und Promovent der Islamwissenschaften an der Humboldt-Universtiät Berlin)

Vorurteil 4: Das Kopftuch dient der Unterdrückung von Frauen.

Der Experte sagt dazu: „Nach weithin geltendem Verständnis des Korans hat eine Muslima ihr Haar zu bedecken. Die über Jahrzehnte von vielen Regierungen forcierte Zurückdrängung des Kopftuchs war Teil eines Verständnisses von Modernisierung, genauer: Verwestlichung. Diese Gleichsetzung ist heute fragwürdig geworden. Durch ihr Kopftuch wollen sich viele Frauen wieder als gläubige Muslima zu erkennen geben. Demgegenüber zeigt das Beispiel des Iran, dass Frauen aufbegehren, wenn ihnen das Kopftuch zwangsverordnet wird.“

Prof. Dr. Udo Steinbach (Islamissenschaftler und ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Orientinstituts)

Vorurteil 5: Islamische Staaten sind per se demokratiefeindlich.

Der Experte sagt dazu: „Es gibt zwar noch einen Rückstand, aber kein prinzipielles Problem mit der Demokratie. Ein großer Teil der Muslime, so zeigen Untersuchungen, wünscht sich die Demokratie als Staatsform, und bereits ein Drittel aller Muslime leben heute in Wahldemokratien. Auch in problematischen Ländern gibt es Liberalisierungen, z.B. bei der Medienfreiheit. Europa hat die Demokratie auch erst stufenweise, teils nach dem Zweiten Weltkrieg, teils erst in den letzten Jahrzehnten entdeckt.“

Prof. Dr. Kai Hafez (Kommunikations- und Islamwissenschaftler an der Universität Erfurt)

Vorurteil 6: Der Islam und das deutsche Grundgesetz sind unvereinbar.

Der Experte sagt dazu: „Die Aussagen sowohl des Korans als auch des GG müssen vor ihrem historischen Kontext gesehen werden. Deshalb hinkt der Vergleich von Suren und GG-Artikeln immer. Das GG formuliert eindeutige Richtlinien für das Zusammenleben, während der Koran individuelle Interpreta­tionsräume lässt. Alle Teilnehmer der Deutschen Islamkonferenz bestätigen, dass der Islam mit dem GG vereinbar ist. Ob sich ein Mitbürger für die Einhaltung der deutschen Grundrechte entscheidet oder dagegen, ist immer eine individuelle und keine religiöse Entscheidung.“

Badr Mohammed (Generalsekretär des Europäischen Integrationszentrums und Präsidiumsmitglied der Deutschen Islamkonferenz)


Illustrationen: gadscha

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