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5 Fragen an… Günter Wallraff

16 März 2014 No Comment
Wallraff im Jahr 2013 (Foto: Claude Truong-Ngoc)

Wallraff im Jahr 2013 (Foto: Claude Truong-Ngoc)

Die Ikone des investigativen Journalismus Günter Wallraff las im Rahmen der Leipziger Buchmesse 2014 aus seinem aktuellen Buch „Aus der schönen neuen Welt“. Wir sprachen mit Ihm über seine Motivation und Erfahrungen aus seiner jüngsten Arbeit.

von Martin

Günter Wallraff, seit fast 50 Jahren einschlägig tätig und von vielen gefürchtet für seine Undercover-Reportagen aus den düsteren Bereichen unserer Arbeitswelt, ist immer im Einsatz. Er hat seine Tasche, gefüllt mit brisantem Material, immer dabei, so auch bei der Veranstaltung in der Schaubühne Lindenfels. Die Besucher erwarteten eigentlich eine normale Lesung aus seinem aktuellen Buch Aus der schönen neuen Welt, doch für Wallraff ist bloßes Vorlesen zu einfach, er will diskutieren, die Menschen bewegen. Und so kündigt er gleich zu Beginn der Lesung seinen Plan für den Abend an, es wird nicht einfach gelesen, stattdessen hält der Kämpfer der Arbeitnehmerrechte, wie er selbstironisch ankündigt, eine „Rede zur Lage der Nation“ – das Publikum ist begeistert. Wallraff schildert anhand einiger Beispiele aus seinem Buch, wie das heutige Regime der Ausbeutung funktioniert, wie Arbeitgeber mit immer drastischeren Methoden versuchen, eigentlich selbstverständliche Errungenschaften des Sozialstaates zu unterwandern und wie staatliche Akteure durch umfassende Liberalisierung diesem Treiben Vorschub leisten. Der Journalist und Autor schildert eindringlich „wie fantastisch und unglaublich die Realität manchmal sein kann“, und wie die Kamera zum ständigen Begleiter wird, um diese Erfahrungen zu dokumentieren. Zum Beispiel als Paketfahrer bei GLS: Arbeitstage über 14 Stunden, geringste Bezahlung, chronischer Zeitmangel und eine unendliche Flut an immer neuen Päckchen. Druck und Überforderung werden hier zu Systemeigenschaften, denen kein Arbeitnehmer auf Dauer standhalten kann. Oder als Call-Agent in den großen Callcentern des Landes: Schlicht rechtswidrige Arbeitsmethoden und immer neuer Konkurrenzdruck zwischen den Arbeitnehmern dienen allein dem Verkauf dubioser Produkte und illegalen Abo-Fallen. Gewissenkonflikte, Selbstverleugnung und psychischer Druck, bringen viele Arbeitnehmer an den Rand ihrer Belastbarkeit – und manchmal auch weit darüber hinaus. Es gibt aber auch die andere Seite, die der rücksichtslosen Arbeitgeberanwälte, die in dem Buch auf erschütternde Weise entlarvt werden. Diese „Schreckensanwälte“ werden beauftragt, wenn „unliebsame Mitarbeiter aus dem Unternehmen entfernt“ werden sollen, oder sogar die Zerstörung ganzer Betriebsräte geplant ist. Geradezu als lästig empfundene Errungenschaften der Arbeiterbewegung werden hier in einer Weise attackiert, die in ihrer Rücksichtslosigkeit erschreckend ist.
Günter Wallraff schildert dies und viele weitere Erfahrungen in einem spannenden Vortrag, erläutert wie das Aufdecken solcher Missstände und der öffentliche Druck Verbesserungen bewirken können und wie sein Engagement vielen Kollegen wieder Mut machen konnte und ihre Würde als Menschen wiederherstellte. Trotz seines inzwischen fortgeschrittenen Alters, bleibt er unermüdlich im Einsatz und ist dabei, bereits die nächste Journalistengeneration im „wallraffing“ auszubilden. Sicher ist, auch zukünftige Arbeitgeber werden nicht von kritischen und unangenehmen „Heimsuchungen“ verschont bleiben.

Nach der Lesung trafen wir Günter Wallraff zum unique-Interview:

unique: Sie sind inzwischen seit fast 50 Jahren für Ihre Reportagen bekannt und setzen sich immer wieder extremen Erfahrungen aus. Was ist Ihre Motivation für diese Arbeit und wie wichtig ist Mut dabei?
Wallraff
: Ich sollte von meiner Mutter eigentlich nicht gerade zu einem mutigen Menschen erzogen werden, eher schon zu einem angepassten konformen Wohlverhalten. Da habe ich mich rausgesprengt. Meine Arbeit war und ist für mich auch eine Art Selbstfindung, Abenteuer und Auflehnung gegen gravierendes Unrecht. Ich habe ein sehr starkes Gerechtigkeitsgefühl und wo ich Unrecht spüre, da will ich das nicht hinnehmen. Dann renn‘ ich manchmal auch, ja nicht gerade mit dem Kopf gegen die Wand – dafür habe ich auch inzwischen zu viele Listen und Strategien entwickelt, um etwas zu erreichen – ich will etwas verändern. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die meinen, die Welt aus den Angeln heben zu können, aber von Fall zu Fall gelingt es mir doch, Unrecht sichtbar zu machen und abstellen zu helfen. Und vielleicht liegt es auch an einer frühen Kontaktstörung, ich habe mir eine Zugehörigkeit erworben zu Menschen, die nicht dazu gehören, denen fühle ich mich oft noch am ehesten zugehörig. So bin ich vielleicht von einem introvertierten, schüchternen Menschen zu einem sozialeren und kämpferischen geworden und habe dadurch auch eigene Ängste überwunden.

Sie sind sowohl als investigativer Journalist, wie auch für ihr soziales Engagement und ihren Einsatz für Arbeitnehmerrechte bekannt. Wie beschreiben Sie das Verhältnis zwischen kritischem Journalismus und sozialen Engagement? Gehört beides zusammen oder sind das verschiedene Dinge?
Ich kann das nicht auseinander halten. Es ist bei mir eine Mischform, manche wollten es zur Aktionskunst deklarieren, aber ich lehne diesen Begriff – den Schonbereich der Kunst – ab, damit würde es verharmlost. Es ist eine Mischform, manchmal auch eine Menschenrechtsinitiative, und das ist nicht voneinander zu trennen. Also, es ist eine unreine Form und von daher passe ich auch in keine richtige Schublade und das macht mich für viele Menschen auch verdächtig. So ist das bei mir auch politisch, ich habe nie einer Partei angehört, bin Wechselwähler und da gibt‘s auch Welche, die mir übel nehmen, dass ich nicht so einfach einzuordnen bin. Zum Beispiel war ich in der Ost-West-Auseinandersetzung für die Hardliner der Kalten Krieger ein östlich gesteuerter Mensch und für die Stasi, die ein Papier über mich anlegte, weil sie hoffte, ich „könnte ein wertvoller Verbündeter werden“, stand später als Resümee „nach allen Einschätzungen müssen wir davon ausgehen, dass Wallraff für einen westlichen Geheimdienst arbeitet.“ – Die kriegten mich alle nicht auf die Reihe.

In Ihrem aktuellen Buch Aus der schönen neuen Welt schreiben Sie im Nachwort „ganz unten ist überall“. Wie hat sich das heutige Prekariat im Vergleich zu früheren Zeiten verändert und gibt es daran etwas Neues?
Ja, absolut. Früher nannte man den Begriff Arbeiterklasse oder Proletariat, das hing mit körperlicher Arbeit zusammen, mit klar definierten Ausbeutungsstrukturen. Heute ist der Begriff Prolet fast zum Schimpfwort geworden und es gibt inzwischen auch ein akademisches Proletariat; es gibt Menschen, die in das Prekariat hinein geboren werden und kaum eine Chance haben, da hinauszukommen und gleichzeitig gibt es auch zahlreiche Studierte, die in diesen Verhältnissen landen. Das könnte auch zu einem neuen Schulterschluss führen mit dem ursprünglichen, ich nenne es mal, Arbeitsproletariat und Studierten. Wenn diese Gruppen zusammenkommen und sich verständigen, kann daraus eine neue soziale Bewegung entstehen.

In dem Buch schildern Sie viele Beispiele von Menschen, die einen plötzlichen sozialen Abstieg erlebt haben oder sich in einer existenziellen Bedrohung befinden. Wie trügerisch sind unsere heutigen Vorstellungen von sozialer Sicherheit und einem abgesichertem Lebensstandard?
Wir müssen uns auf Zeiten einstellen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können, im positiven, aber auch im negativen Sinne. Das unerwartete Nichtvorhersagbare wird zur Regel werden. Da wird einiges aus den Fugen geraten, so wie das sozialistische System an sich selbst erstickt oder, wie man sagt, „implodiert“ ist, ist dieser zum Selbstzweck erhobene nur noch von Gier und Effizienz gesteuerte Turbokapitalismus nicht mehr dauerhaft überlebensfähig und daher wird es Phasen geben, wo wir aufpassen müssen, dass nicht demokratische Strukturen zerstört werden. Da müssen wir jetzt vorsorgen, da müssen jetzt die Dämme errichtet werden, um uns in eine sensiblere basisdemokratische Gesellschaft weiterzuentwickeln und nicht in ein chaotisches Stadium verfallen, wo uns dann populistische undemokratische Führerfiguren ins Haus stehen.

Zur Illustration ihrer aktuellen Reportagen verweisen Sie auf Aldous Huxleys dystopischen Roman Schöne neue Welt und haben hier auch den Titel ihres Buches entliehen. Wie weit haben wir uns heute schon dieser Dystopie angenähert und wie könnte Ihrer Meinung nach eine weitere gesellschaftliche Entwicklung aussehen?
Also, der Titel des Buches war entstanden, als Huxleys Buch Schöne neue Welt schon fast in Vergessenheit geraten war, 2008 hatte ich den Verlag damit konfrontiert und seitdem ist es fast zu einem geflügeltem Wort geworden. Was ich in der Zeit auch nicht vorhergesehen habe, ist, dass wir mittendrin im huxleyschen und auch orwellschen Zeitalter leben. Als ich den Titel damals durchsetzte, meinte der Verlag, Huxley wäre inzwischen in Vergessenheit geraten und plötzlich hat uns das in einer Weise eingeholt, dass wir nicht nur in diesem NSA-Sinne ausgespäht werden, sondern selbst auch als Konsumvieh manipuliert werden, in unserem Kaufverhalten, in unserem Modeverhalten, in unserem Gesamtverhalten. Da sind Skepsis, eine gewisse Individualitätsbehauptung und Verweigerungshaltung angesagt, ansonsten ist der gleichgeschaltete „gläserne Mensch“ der Prototyp der Zukunft und in der absoluten Mehrheit.

Herr Wallraff, vielen Dank für das Gespräch!

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