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Von e-Bürgern zu Pflichtreflektoren: Wissenswertes über Estland

8 Juli 2019 No Comment

Seit 15 Jahren ist Estland Mitglied der EU – aber hierzulande ist der baltische Staat oft „terra incognita“. Dabei ist Estland ein Vorreiter der Digitalisierung, ein kulturell vielseitiges Land mit einer ungewöhnlichen Sprache und voller landschaftlicher Besonderheiten! Daher folgt eine kleine Abhilfe in 9 ¾ Punkten.

von Mici

1. e-Estonia

Nachdem Estland 1991 nach dem Zerfall der UdSSR seine Unabhängigkeit wiedererlangte, stand es wirtschaftlich sehr schlecht um das Land. Weil sie daher aber nichts zu verlieren hatte, entschied sich die estnische Regierung einen Weg einzuschlagen, der zu diesem Zeitpunkt noch sehr riskant zu sein schien: Den Weg der Digitalisierung. Im Jahr 1999 wurde die papierlose Regierung beschlossen. Ab diesem Zeitpunkt kam das Kabinett in seinen Sitzungen – die übrigens auch online stattfinden können – ohne Papier aus. Bereits ein Jahr später wurde der Zugang zum Internet als Grundrecht erklärt. Und seit 2007 kann die estnische Bevölkerung online nicht nur wählen, sondern auch ihre Steuern abrechnen und Rezepte vom Arzt elektronisch empfangen, womit das Land vielen anderen europäischen Staaten meilenweit voraus ist. 2014 wurde sogar die e-Residency eingeführt. Diese digitale Identität kann von jedem Menschen auf der Welt angenommen werden und ist vor allem wirtschaftlich sehr reizvoll: die digitalen Einwohner Estlands können innerhalb von nur 18 Minuten ein Unternehmen online gründen, Verträge mittels digitaler Signatur unterzeichnen und europäische Patente online anmelden. Ende 2017 hatte Estland bereits 23.000 e-Residents, zu denen unter anderem auch Angela Merkel gehört.

2. Land der Innovationen

Die e-Residency ist nicht die einzige, ursprünglich estnische Erfindung. Dienste wie Hotmail oder TransferWise – ein Online-Überweisungsdienst – haben ihren Ursprung in Tallinn, dem „Silicon Valley Europas“. Am bekanntesten dürfte aber der Messaging-Dienst Skype sein, dessen Software von drei jungen Esten entwickelt wurde. Ein 19-jähriger Este hat den Fahrservice Bolt (ehemals Taxify) als Alternative zu Uber entwickelt, der mittlerweile in 30 Ländern verfügbar ist. Auch für die Zukunft planen die Esten großes: selbstfahrende Roboter, die Pizzaboten und Paketzusteller ersetzen. Das Unternehmen „Starship Technologies“ hat die Roboter-Boten bereits im Herbst 2017 in 100 Städten erfolgreich getestet.

3. Die singende/trällernde Nation

Im Kontrast zum digitalen, innovativen Estland steht das alle 5 Jahre in Tallinn stattfindende Songfestival Laulupidu. Seit 1869 kommen hier Menschen aus allen Ecken des Landes zusammen, um in traditioneller Kleidung gemeinsam zu singen. Das Laulupidu, bei dem jedes Mal mehrere hundert Chöre aus Estland, sowie estnisch-singende Formationen aus anderen Ländern vertreten sind, zählt zu den größten Veranstaltungen für Laienchöre weltweit. Beim letzten Songfestival waren über 150.000 Zuschauer, also mehr als 10% der Gesamtbevölkerung, anwesend. Gesang ist ein wichtiger Teil der estnischen Kultur: das Land hat eine der größten Sammlungen von Volksliedern, die zum Teil 2500 Jahre alt sind. Und auch ohne besondere Gelegenheit singen die Esten zu jeder Zeit: auf der Straße, im Sprachkurs oder auf langen Busreisen. Der für die estnische (Gesangs)kultur bedeutendste Moment dürften aber wohl die Ende der 80er Jahre stattfindenden friedlichen Proteste gegen das sowjetische Regime sein. Die Bewegung, die sich nicht nur über Estland, sondern das gesamte Baltikum erstreckte, ging als „Singende Revolution“ in die Geschichte ein.

4. Eine gute Nachbarschaft/die Menschenkette der Nachbarschaft/Die Menschenkette

Diese „singende Revolution“ war das Resultat jahrzehntelangen Leidens unter der russischen Herrschaft. Nicht nur die estnische Bevölkerung, sondern auch ihre baltischen Nachbarn aus Lettland und Litauen schlossen sich im August 1989 zusammen und bildeten eine über 600 km lange Menschenkette, die von Vilnius über Riga bis nach Tallinn reichte. Über zwei Millionen Menschen – von einer damals acht Millionen großen baltischen Gesamtbevölkerung – reichten sich die Hände und sangen gemeinsam – jeweils in ihrer Landessprache – Volkslieder, um ihren Protest auszudrücken und sich aus dem Ostblock und somit von Russland zu lösen. 50 Jahre nach dem Hitler-Stalin-Pakt, dessen geheimes Zusatzprotokoll verkündete, dass die baltischen Staaten an die Sowjetunion fielen, fanden sich die Menschen mit Hilfe von kleinen Transistorradios an der Fernverkehrsstraße, der „Via Baltica“ zusammen. Hier rollten sie ihre verbotenen Nationalflaggen aus und äußerten singend ihren Protest, der zwei Jahre später zur Unabhängigkeit aller drei Staaten führte.

5. Der graue Pass/ Estlands Nichtbürger

Die Auswirkungen der russischen Herrschaft sind noch heute zu spüren: Etwa ein Viertel der estnischen Bevölkerung sind Russen. Die estnische Bevölkerung betrachtete die Zuwanderung der Russen während der Stalin Ära als einen Versuch, ihr Land zu kolonialisieren. Für sie stand die Sowjetunion für den Verlust ihrer nationalen Identität, den Tod ihrer Angehörigen und den Rückgang der Lebensqualität. Die Russen allerdings waren stolz auf das, was das Sowjetregime ihrer Meinung nach erreicht hatte: Erfolge bei der Modernisierung riesiger Gebiete und der Verbesserung des Lebensstandards von Millionen Menschen. Diese unterschiedlichen Ansichten und der Fakt, dass die russische Minderheit in eigenen Stadtvierteln wohnte, eigene Medien hatte und ein unabhängiges soziales und kulturelles Leben führte, spalteten die Gesellschaft damals wie heute.
Auch wenn die junge Generation der estnischen Russen genauso europäisch ist, wie ihre ethnisch estnischen Altersgenossen, ist das Vertrauen zwischen den beiden Gemeinschaften noch immer fragil. Auf der einen Seite weigern sich viele Russen, sich in die estnische Kultur zu integrieren, auf der anderen Seite wird ihnen eine volle Integration von estnischer Seite verweigert: Denn viele Russen haben einen „grauen Pass“, ein Ausweisdokument, das sie als „Nichtbürger“, als Staatenlose abstempelt und ihnen kaum mehr gewährt, als in dem Land zu leben. Sie dürfen viele Berufe im öffentlichen Dienst nicht ausüben, werden bei Rentenberechnung benachteiligt und dürfen nicht wählen.

6. Winziges Land

Ob wegen seiner Kultur, der beeindruckenden Naturlandschaft oder weil es bei einer Einwohnerzahl von 1,3 Millionen nicht besonders schwierig ist – Estland ist bei Urlaubern so beliebt, dass die Zahl der Touristen jährlich mit 2 Millionen sogar die der Bevölkerung übersteigt. Die geringe Einwohnerzahl macht sich vor allem auf den Straßen Estlands bemerkbar. In ländlichen Gebieten – also fast überall – trifft man wenig andere Autofahrer, Staus sind quasi nichtexistent. Zur Herausforderung wird hingegen der Kauf vieler Lebensmitteln oder Hygieneartikeln: Viele dieser Produkte werden importiert, weil sich die landeseigene Herstellung nicht lohnt und sind damit exorbitant teuer. Wirklich problematisch kann es vor allem dann werden, wenn man unter „besonderen“ Krankheiten leidet. Da das Land so klein ist, sind die Krankenhäuser nur auf die häufiger vorkommenden Krankheiten spezialisiert und kennen sich, weil bestimmte Krankheiten bei ihnen wenig bis gar nicht vorkommen, mit besonderen Fällen gar nicht aus. Patienten müssen dann in das nahegelegene Finnland verlegt werden.

7. Verrückte Sprache/Hull keel/ Eesti keel

Wenn dann ein estnischer Patient auf einen finnischen Arzt trifft, können sich die beiden theoretisch gut verständigen: Die finnische Sprache ähnelt der estnischen sehr – und damit ist sie auch die einzige. Diese Ähnlichkeit wird von den Finnen selbst allerdings bestritten, für sie ist die estnische Sprache etwas verrückt. So geht es auch den Touristen, die die Sprache oft als elbisch bezeichnen. Das ist nicht verwunderlich, nimmt man die Sprache mal genauer unter die Lupe. Wörter wie Töö-öö (Nachtschicht), Lapselapselaps (Urenkel), kaheksakümmend kaks (82) und maailmameistrivõistlustel (Weltmeisterschaften) sind für die Esten nichts Besonderes. Mit 14 Fällen, ohne grammatikalisches Geschlecht und grammatikalische Zukunft und mit dem sicherlich größten Vorkommen an Umlauten, gehört die Sprache zu den zehn schwersten auf der ganzen Welt.

8. Deutschland + Estland

Für Deutsche sind zumindest einige Wörter und Satzstrukturen leicht zu verstehen, da sie unserer Sprache sehr ähneln. Das sind vermutlich Überbleibsel der deutschen Geschichte in Estland. Denn mehrere hundert Jahre lang hatten die Deutschen die Verwaltung des Landes inne, weshalb Deutsch als Amtssprache galt. Auch wenn sie natürlich heute längst nicht mehr so verbreitet ist, wird sie dennoch in den meisten Schulen unterrichtet. Auch in anderen Punkten ist diese deutsch-estnische Geschichte noch deutlich zu spüren. Obwohl die estnische Bevölkerung Fremden eher skeptisch gegenübertritt, sind sie Deutschen gegenüber erstaunlich häufig offen und herzlich. Überall im Land treffen Touristen außerdem auf eine ganze Reihe ursprünglich deutscher Gutshöfe und viele imposante deutsche Kirchen. Letzteres ist vor allem verwunderlich, wenn man einen Blick auf die Zahl der Gläubigen in Estland wirft.

9. Religion und Glauben/Der Volksglaube/Über Geister und überirdische Mächte

Denn der kleine baltische Staat ist eines der am wenigsten religiösen Länder der Welt. Allerdings glaubt mehr als die Hälfte der Bevölkerung an irgendeine Art von Geist oder eine überirdische Macht. Knapp 70% glauben zwar nicht an einen Gott, dafür aber daran, dass die zahlreichen Bäume Estlands eine Seele haben. So gibt es im Lahemaa Nationalpark beispielsweise zwei Linden, von denen man sagt, dass sie die Fähigkeit besitzen, Wünsche zu erfüllen. Jedes Jahr pilgern viele Einheimische zu den magischen Bäumen.
Aufgrund des estnischen Volksglaubens werden viele Unfalltote nicht beigesetzt, sondern an Ort und Stelle des Unglücks belassen, wie die gesunkene MS Estonia, die mit allen Toten an Bord an den Meeresboden betoniert wurde. Das Miteinander der Esten wird bis heute von ihrem Volksglauben beeinflusst. Man reicht sich nicht die Hand über eine Türschwelle, vermeidet das Pfeifen in Gebäuden und spricht nicht nur zu magischen Wunderbäumen, sondern lädt auch Steine am Ufer der Ostsee mit seinen Wünschen auf.

9 ¾. Random Facts

Aufgrund seiner nördlichen Lage ist es in Estland sehr lange  sehr dunkel: ab Ende Oktober (bis Anfang März) gibt es nur maximal sechs Stunden Tageslicht  – das ist aber auch eher dämmerig, richtig hell wird es eigentlich nie. Für Fußgänger ist es deshalb seit Juli 2011 Pflicht, einen Reflektor am Körper zu tragen. Wer wider dem Gesetz handelt und so einen tragischen Unfall riskiert, kann mit Geldstrafen bis zu 400€ bestraft werden.
Nicht schützen werden die Reflektoren vor Meteoriten, die es auf Estland abgesehen zu haben scheinen. Estland hat die höchste Anzahl an Meteoritenkratern auf der ganzen Welt. Der bekannteste ist der Kaali-Krater auf der größten estnischen Insel Saareema, der mit 50 Metern Durchmesser aber doch vergleichsweise klein ist.
Nicht durch einen Meteoritenkrater, aber durch den gleichnamigen Grenzfluss geteilt, wird die Stadt Narva, die gleichzeitig in Estland und Russland liegt. Hier ist der graue Pass das häufigste Ausweisdokument. Denn 95% der dort lebenden Menschen sind Russen, die in dieser Stadt wie in ihrer eigenen Welt leben. Teils auf estnischer, teils auf russischer Seite: Denn Narva wird durch den gleichnamigen Grenzfluss auf zwei Länder aufgeteilt.

 

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