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Zelluloid hinter Gittern

20 September 2015 No Comment

(Foto: Bob Jagendorf)

Zehn Gefängnisfilme – von existentialistischer Meditation bis zu „women in prison“-Exploitation.

von David

Konflikte auf allerengstem Raum in einer Extremsituation (fast) ohne Ausweg: Das Gefängnis war immer schon ein dankbarer Handlungsort für das Kino und so entwickelte sich der Knastfilm zu einem eigenen Subgenre. Ein kleiner Streifzug durch diese vielseitige Gattung.

The Longest Yard / Die härteste Meile
(Robert Aldrich, USA 1974)
The Longest Yard ist ein wie ein Kriegsfilm inszenierter Sportfilm innerhalb eines Gefängnisfilmes. Er ist einer der wenigen Vertreter des Genres, der eine erfolgreiche Resozialisierung zeigt. Nur wird Protagonist Paul Crewe vom gleichgültigen Zyniker zum rechtschaffenen Menschen gerade dadurch, dass er sich gegen die Institution Gefängnis auflehnt und Integrität vor Freiheit stellt. Der ehemalige Footballprofi soll ein Gefängnisteam zusammenstellen, als Sparringpartner für das Wärterteam. Die Knackis ergreifen die Chance, sich auf dem Spielfeld mit aller Kraft für die Demütigungen des Gefängnisalltags zu revanchieren. Der Sieg ist für sie aber nur symbolisch, denn sie können nur die Schlacht gewinnen, nicht aber den Krieg. Doch immerhin ist es ein Symbol – auch wenn es weitere Haftverlängerungen bis in alle Ewigkeiten bedeutet.

Escape From Alcatraz / Flucht von Alcatraz
(Donald Siegel, USA 1979)
„Der größte existentialistische Film aller Zeiten!“ nannte ein deutscher Filmkritiker einst Escape From Alcatraz. Die fünfte und letzte Zusammenarbeit von Star Clint Eastwood und Regisseur Don Siegel (u. a. Dirty Harry) dürfte jedenfalls einer der puristischsten Gefängnisfilme sein. Frank Morris wird bei der Ankunft in Alcatraz seiner Menschlichkeit beraubt. Er will sie sich zurückholen, indem er eine Flucht von der angeblich vollkommen fluchtsicheren Insel plant. Keine Hindernisse sind zu groß für dieses Ziel. Essentiell ist, dass er die Rebellion gegen das geschlossene System unternimmt. Deshalb ist der Ausgang des Vorhabens im Prinzip auch egal: Die Flucht wird zur Lebensphilosophie.

Die Verrohung des Franz Blum
(Reinhard Hauff, Bundesrepublik Deutschland 1974)
In knapp 100 Minuten verfolgen wir die pervertierte Resozialisierung des unauffälligen Versicherungsangestellten Franz Blum zum gnadenlosen und unmenschlichen Gangführer in Haft. Was er den alten Insassen voraus hat, ist seine vollständige Integration in die vermeintlich progressiven Resozialisierungsstrukturen. Der ‚selbstverwaltete‘, ‚demokratische‘ Häftlingssportverein wird zur Farce, zum Deckmantel für effizientere Gangsterstrukturen. Für seine ‚erfolgreiche‘ Wandlung wird Franz Blum schließlich wegen guter Führung als ‚besserer Mensch‘ wieder in die Gesellschaft entlassen.

Joshū 701-gō: Sasori / Sasori Scorpion Vol. 1
(Itō Shun’ya, Japan 1972)
Nami hat nur Rache im Sinn: Sie will den korrupten Polizisten Sugumi töten, der sie von Yakuza vergewaltigen und danach einsperren ließ. Sie muss jedoch erst das Frauengefängnis überleben: ihren Schmerz verbergen, Informantinnen verführen, Peiniger gegen Peiniger ausspielen… Joshū 701-gō: Sasori ist ein typischer „women in prison“-Exploitationfilm, beherrscht von viel nackter Haut und blutig-brachialer Gewaltinszenierung. Er ist aber auch ein poetischer Kunstfilm: Gemalte Kulissen, grelle Beleuchtung in unnatürlich farbigem Licht, extreme Kameraeinstellungen, Anleihen aus dem Kabuki-Theater und dem Hollywood-Musical – alles verbindet sich zu einer wilden Achterbahnfahrt. Inwiefern diese Manga-Verfilmung ein politisches, feministisches Manifest im surrealen Genre-Gewand ist, sei jedem hartgesottenen Zuschauer selbst überlassen.

Gam yuk fung wan / Prison On Fire
(Ringo Lam, Hong Kong 1987)
„Sei tolerant, dann findest du Ruhe. Sei bescheiden, dann entdeckst du neue Horizonte.“ Nach diesem Motto sitzt Tin-ching (gespielt von Hong Kongs Actionstar Chow Yun-fat) seine Strafe ab und führt den unbedarften Biedermann Ka-yiu durch die Unsicherheiten des Gefängnisalltags. Er ist eine Art heiliger Narr: Er rebelliert nicht gegen das Gefängnis und seine Wärter, er lacht sie einfach nur aus – immer einen lustigen Spruch auf den lächelnden Lippen. Doch wenn der Druck von konkurrierenden Gangs und brutalen Wärtern zu viel wird, explodiert selbst der freundlichste Mörder: in einer spektakulären Aufstandsszene im engen Gemeinschaftsschlafraum, die das Beste an Hong Konger Actionchoreographie zeigt.

Scum / Abschaum
(Alan Clarke, UK 1977/79)
„Unfälle können überall passieren – auch hier“, so der Anstaltsdirektor. Kleine ‚Unfälle‘ wie systematisches Prügeln, andauernder Psychoterror, rassistisches Mobbing, Gruppenvergewaltigungen und Selbstmorde passieren eben in einem ‚borstal‘, einer Besserungsanstalt, in der junge Männer „at Her Majesty’s pleasure“ und unter strengster Einhaltung ‚christlicher‘ Werte inhaftiert wurden. Scum wurde 1977 für die BBC gedreht, die den Film aufgrund seiner Brutalität und seines Pessimismus sogleich im Giftschrank verschwinden ließ. Alan Clarke drehte den Film für das Kino komplett neu, wo dieser zu einem der umstrittensten britischen Kinoereignisse der 1970er und 1980er avancierte. 1982 wurden die realen ‚borstals‘ in ihrer ursprünglichen Form abgeschafft.

Szegénylegények / Die Männer in der Todesschanze
(Miklós Jancsó, Ungarn 1966)
1869, mitten in der ungarischen Steppe, in einem Gefängnis für 48er-Revolutionäre und Banditen: Mit Psychospielchen, Spießrutenläufen und extralegalen Hinrichtungen sollen die Gefangenen gebrochen werden. Die Haupthandlung von Szegénylegények ist die tyrannische Unterdrückung des Individuums – deshalb sind das Gefängnis selbst und seine Strukturen die Hauptfiguren, und nicht Gefangene oder Wärter. Eine Million Zuschauer sahen Jancsós Film im Kino. Viele deuteten ihn als Allegorie auf die bleiernen Jahre nach 1956. In der nackten, fast abstrakten Gewaltdarstellung wird das Gefängnis hier aber auch zum universellen Symbol für unkontrollierte, tyrannische Macht.

Un condamné à mort s’est échappé / Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen
(Robert Bresson, Frankreich 1956)
Fontaine, ein Leutnant der französischen Résistance, wird inhaftiert und zu Tode verurteilt. Ihm bleibt nicht viel Zeit, um zu flüchten. Un condamné à mort s’est échappé, basierend auf den Memoiren des Résistant André Devigny, wurde vom großen Minimalisten des französischen Kinos Robert Bresson inszeniert: nüchterner Stil, wenig Musik und Dialoge, Laiendarsteller. Fontaine durchlebt einen monotonen, repetitiven Alltag in seiner Zelle, im Gemeinschaftswaschraum und im Innenhof, und kratzt sich mit Hilfe eines Löffels langsam in die Freiheit. In seiner Kargheit ist dieser Gefängnisfilm fast einzigartig im Genre (vielleicht von Escape From Alcatraz abgesehen): Die Struktur ist bis zum Skelett reduziert – und lässt die Kraft und den Freiheitsdrang der Seele sichtbar werden.

Marquis / Marquis de Sade
(Henri Xhonneux, Belgien / Frankreich 1989)
In der einen Gefängniszelle sitzt der Marquis, schreibt Romane und führt ausgedehnte philosophische und literarische Diskussionen mit seinem sprechenden Penis Colin. Eine Zelle weiter ist Justine inhaftiert, die vom König vergewaltigt und geschwängert wurde. Währenddessen planen Revolutionäre in einer anderen Ecke der Bastille eine Verschwörung: Es wird ein heißer Sommer 1789. In Marquis tragen alle Schauspieler Tiermasken (der Marquis de Sade selbst ist ein Cockerspaniel, Justine eine Kuh, der Gefängnisdirektor ein Hahn), Realfilm und Animationen werden kunstvoll verwoben. Ein grotesker Film über die französische Revolution und über DEN Schriftsteller im Gefängnis schlechthin.

Convict 13 / Buster Keaton als Sträfling
(Buster Keaton, Edward Cline, USA 1920)
Ein tollpatschiger Golfspieler (Buster Keaton) wird mit einem Häftling auf der Flucht verwechselt und wird so selbst zum Flüchtenden, dann zum Gefangenen, zum Hinrichtungskandidaten, zum Zwangsarbeiter, zum aufständischen Gefangenen und zum Gefängniswärter, der den Aufstand wiederum niederschlägt – in dieser Reihenfolge. Komprimiert in 20 Minuten fasst Keaton hier etliche Elemente und Klischees des Gefängnisfilms zusammen – unschuldige Gefangene, Gewaltkultur, Flucht, Aufstand – und schweißt sie mit seinem surrealistischen und poetischen Slapstick-Humor zusammen. Ein visionärer Film: eine Genre-Parodie, bevor es das Genre gab.

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