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„Vegetarier sind die besseren Genießer“

27 Mai 2011 No Comment

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Buchkritiker Denis Scheck hat sich nach langer Zeit einmal wieder auf die Seite der Autoren geschlagen und sprach mit uns über kulinarische und literarische Highlights.

UNIQUE: Herr Scheck, Oscar Wilde schrieb in seiner Vorrede zu Das Bildnis des Dorian Gray, alle Kunst sei „ganz und gar nutzlos“. Essen erfüllt jedoch den Zweck des Überlebens. Kann Essen dann auch Kunst sein?

Scheck: Was den Nutzen angeht, bin ich etwas skeptischer. Ich sehe eine enge Parallele, denn gerade darin besteht ja die Freiheit in Literatur und Kochen: Beide lassen uns buchstäblich aus unserer Haut fahren, befreien uns aus dem Kerker unserer kleinlichen Identitäten und erlauben es uns, in andere Zeiten, Räume und ins andere Geschlecht zu wechseln. Während unsere Erfahrungen in der Kunst oftmals obskur bleiben und nicht kommuniziert werden, kann beim Essen jeder mitreden, da man als Europäer mit 40 Jahren schon etwa 50.000 Mahlzeiten zu sich genommen hat. Da ist eine ganz andere empirische Basis vorhanden, als wenn ich mit den meisten Menschen über Literatur rede.

Zu Kunst hat man häufig einen normativen Zugang und eigene Erwartungen, die man an sie knüpft. Welchen Zweck können Ihrer Meinung nach Kunst im Allgemeinen und Literatur im Speziellen erfüllen?
Diese Frage ist für ein Interview viel zu groß, weswegen ich Ihnen nur mit ein paar Aphorismen dienen kann. Das, was Sie von mir verlangen, würde ja gefährlich nahe an Arbeit grenzen und arbeiten möchte ich natürlich nicht – wie jeder halbwegs vernünftige Mensch (schmunzelt). Ich möchte durch Kunst und Literatur eine neue Sicht auf die Dinge gewinnen, die Welt anders wahrnehmen können und auf alternative Existenzweisen hingewiesen werden. Das kann, aber muss nicht immer ein angenehmer Prozess sein. Das kann begleitet sein von einem beglückten Auflachen, von einem Moment der Verblüffung oder mit der tiefen Beklommenheit, mit der man Franz Kafkas Die Verwandlung liest. Es kann darauf hinauslaufen, den Kopf mit mehr oder minder sanften Ohrfeigen in eine andere Richtung gewendet zu bekommen, wie es Samuel Beckett beispielsweise gelingt, dessen Texte oder Theaterstücke nicht nur reiner Genuss sind, sondern auch etwas mit Qual, Anstrengung oder Erschöpfung zu tun haben. Große Kunst, wie beispielsweise die Komödien von Laurel und Hardy, kann jedoch auch mit extremen Lachtränen verknüpft sein.

Wie hebt sich Ihr Buch Sie & Er… von dem seit jeher populären Thema in der Literatur zu Unterschieden bei den Geschlechtern ab?
Das Blödeste, was wir kennen, sind Bücher der Marke Warum Männer nicht zuhören können und Frauen schlecht einparken, welche davon ausgehen, dass wir Sklaven eines biologischen Skripts sind, welches die Genetik in uns schreibt. Wir gehen in einer Gegenbewegung davon aus, dass wir die Freiheit haben, uns nicht nur politisch und sexuell, sondern auch kulinarisch selbst zu erfinden. Die befreiende Botschaft, die wir mit unserem Buch vermitteln wollen, ist die des „Travestie-Kochens“: Jeder kann alternative Lebens- und auch Kochformen einmal ausprobieren, aus seiner Haut fahren und die Welt aus der Perspektive des anderen Geschlechts betrachten. Wir empfehlen Frauen, sich einmal probeweise so zu ernähren wie Männer und umgekehrt.

Zur Recherche für Ihr Buch haben Sie viele Länder bereist. Wo wurden Sie am denkwürdigsten mit kulturspezifischen Unterschieden, was versteckten Sexismus oder Rollenklischees angeht, konfrontiert?
Wie uns eine Frau erzählte, ist Alkohol in China etwas, was dem weiblichen Geschlecht überhaupt nicht zugetraut wird. Wenn sie sich allein an eine Bar setzt und zwei Whiskeys bestellt, schweift der Blick des Barkeepers über die anderen Gäste, um zu erkennen, ob die dazugehörigen Männer, für die diese wohl sind, bald nachkommen. Da mussten wir natürlich schlucken, doch das sexistische Theater beim Essen existiert weltweit. Es gibt nicht die Insel der Seligen, wo die Geschlechterverhältnisse umgekehrt sind. Das Matriarchat haben wir nicht gefunden, haben es aber auch nicht wirklich gesucht. Was wir jedoch gesucht haben, sind die Grenzen des Verstehens. Dabei war der Trip nach Taiwan und China ziemlich aufschlussreich. Man wird den Schweinebauch und den Chinakohl oder Jade-Schnitzereien in ihrer ganzen künstlerischen Pracht als Europäer nicht voll zu würdigen wissen. Doch auch diese kulturellen Unterschiede wollten wir ins Visier nehmen.

In Ihrem Buch kommt auch Krimiautor Heinrich Steinfest zu Wort, der ganz klar Position bezieht, indem er Vegetarier als die besseren Menschen bezeichnet. Stimmen Sie ihm zu?
Nein. Aber Vegetarier sind die besseren Genießer. Sie denken über ihr Essen nach. Das ist unser Vorwurf: Die meisten Menschen in Westeuropa denken über ihr Essen nicht mehr nach, weil sie sich ihrer Nahrung so entfremdet haben, wie wir uns in unserer Alltagskultur dem Tod entfremdet haben. Glück bedeutet Aufklärung, Glück bedeutet Wissen. Goethe sagt: „Man sieht nur, was man weiß.“ Wer darüber nachgedacht hat, wie Fleisch entsteht, wie es produziert wird, der kommt nicht auf die Idee, es in den hässlichen Discountern und Supermärkten zu kaufen. Ihm bliebe es im Halse stecken, wenn er es vorgesetzt bekommt. Dass wir in der Menschwerdung überhaupt dazu kamen, ein gutes Essen in Gesellschaft miteinander zu genießen, ist die eigentliche Kulturleistung. Genuss will Kommunikation, das Teilen und das Mitteilen gehören zusammen. Es ist uns ein Rätsel, warum jemand sich selbst um den Genuss bringen und kulinarisch verdummen möchte, indem er beim Essen allein oder bei einer einseitigen Ernährung bleibt.

Jonathan Franzen, zuletzt erfolgreich mit dem Roman Freiheit, sagte, die europäische Literaturtradition sei viel politischer als die amerikanische. Was denken Sie?
Man sollte mit solchen Pauschalisierungen immer vorsichtig sein. Es gibt in der europäischen Literaturtradition die Dada-Literatur oder die des engagierten Intellektuellen wie jene von Thomas Mann; genauso wie die des intellektuellen Elfenbeinturmbewohners mit dem Rücken zum politischen Geschehen. Jonathan Franzen hat sicherlich die amerikanische Unterhaltungsliteratur der letzten zwei Jahrzehnte im Blick – da wird er Recht haben. Doch es gibt andere amerikanische Literaturtraditionen wie die von John Steinbeck, die der Inbegriff der sozial engagierten Literatur war, oder jene eines Mark Twain, welcher mit The Innocents Abroad mehr Einfluss auf die amerikanische Außenpolitik der letzten 150 Jahre ausübte als jeder andere Autor. Dass die amerikanische Literaturtradition seit Onkel Tom’s Hütte weniger politisch oder apolitisch sei im Vergleich zur europäischen Literatur, sehe ich so überhaupt nicht.

In der ARD-Sendung Druckfrisch sezieren Sie auch die aktuelle SPIEGEL-Bestsellerliste Sachbuch. Was tun Sie, wenn Ihr Buch dort auftaucht?
Dafür habe ich mir schon die eine oder andere Variante überlegt. Es wird sicher lustig, ich warte nur darauf. Aber ich fürchte, einen solchen Bestseller haben wir dann wohl doch nicht geschrieben.

Den ganzen Tag sind Sie mit Büchern beschäftigt. Was machen Sie eigentlich vor dem Schlafen? Lesen Sie da noch?
Absolut, weil ich sonst nicht einschlafen kann. Das regt meine Freundin auch immer auf, weil sie früher zu Bett geht als ich. Ich hatte schon als Kind eine kleine Taschenlampe neben meinem Bett stehen, um wenigstens zwei bis drei Seiten zu schaffen. Einen Bleistift habe ich auch manchmal dabei, allerdings meist nur zum Anstreichen möglicher Zitate.

Wir bedanken uns für das Gespräch!
Das Interview führten Philipp und LuGr.


Zur Person: Denis Scheck wurde 1964 in Stuttgart geboren. Der Literaturredakteur des Deutschlandfunks moderiert seit Februar 2003 die monatlich im Ersten ausgestrahlte Büchersendung „Druckfrisch“.  Im Februar 2011 veröffentlichte er zusammen mit Eva Gritzmann das Sachbuch „Sie & Er – Der kleine Unterschied beim Essen und Trinken“ (Bloomsbury Berlin).

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