Home » EinBlick

„Mein Lieblingsbuch“ – Sag mir, was Du liest und ich sag Dir, wer Du bist

29 Januar 2011 No Comment

Liebling_d-signbureau

Ein Buch zu empfehlen ist nicht einfach: Denn wer weiß, ob das, was man selbst schätzt, mit anderen Augen gelesen nicht als trivial erscheint? Oder abgegriffen? Oder kitschig?

von Christoph Borgans

4000 Deutsch-Lesende aus aller Welt haben es dennoch gewagt und sich am Wettbewerb „Mein Lieblingsbuch“ beteiligt. Wie schon bei den Wettbewerben der letzten Jahre („Ausgewanderte Wörter“ oder „Der schönste erste Satz“) hat das Goethe-Institut die besten Einsendungen ausgewählt und im gleichnamigen Sammelband veröffentlicht.
Darunter finden sich viele Kinder- und Jugendbücher (Emil und die Detektive), aber auch Klassiker (Duineser Elegien), Werke der Gegenwartsliteratur (Liebe heute) und einige Kuriositäten (DUDEN). Die meisten der kurzen Texte bieten eine anregende Lektüre. Sei es, weil man die eigenen Lieblingsbücher wiedererkennt und sich der Freude geteilter Lektüreerfahrungen hingeben kann, oder, weil man entdeckt, was man bislang alles vernachlässigt hat. Lesenswert sind auch die persönlichen Geschichten: Beispielsweise von Reinhard Bröker, der als Junge im Sperrmüll eine Ausgabe der Kirchengeschichte findet und zwischen ihren Seiten 50 Mark entdeckt – genau so viel, wie er als Austräger der Bistumszeitung verschludert hatte. Oder von Birgit Jordan, die sich von Momo überzeugen lässt, ihr Karriereleben aufzugeben und an die Karibikküste zu ziehen. Denis Lukashevskiy, der mit seinem Text den dritten Platz im Wettbewerb belegte, berichtet wie Der Vorleser ihm eine völlig neue Perspektive auf Nazideutschland eröffnete und Liebe heute von Maxim Biller zeigt Kathrin Heydebreck, dass es „tatsächlich Menschen gibt, die genauso verrückt sind wie ich“.
Ein rundum gelungener Sammelband, wären seine Redakteure nur nicht der seltsamen Idee verfallen, die Einsendungen nahezu unredigiert abzudrucken. Dieses Vorgehen mag theoretisch Authentizität bezeugen, in der Praxis aber führt es dazu, dass peinliche Flüchtigkeitsfehler dauerhaft aufs Papier gebannt wurden – vor allem bei den Autoren, die das Deutsche nicht als Muttersprache erlernt haben. Dabei handelt es sich nicht um eine kreative Neuverwendung deutscher Wörter, sondern um schlichte Kasus- und Flexionsfehler wie „die Inhalt des Buches bleibt immer tief in mir“ oder „ich such mich einen neuen Platz“. Das ist schade, denn die bibliophile Ausgabe in geprägtem Leinen, mit den eindringlichen Farbfotos und leuchtend roten Versalien hätte ansonsten – inhaltlich wie optisch – selbst das Zeug zum Lieblingsbuch.

Klaus-Dieter Lehmann (Hg.):
Mein Lieblingsbuch. Geschichte(n) einer Freundschaft.
Hueber Verlag 2010, 151 Seiten, 19,95 €

(Foto: © d-signbureau)

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Die Geschichte meiner Freundschaft mit der deutschen Sprache Denis Lukashevskiy wurde vom Goethe-Institut für den drittbesten Beitrag beim Wettbewerb „Mein Lieblingsbuch“ ausgezeichnet. Für die unique schreibt er, wie er zur deutschen Sprache kam. von Denis Lukashevskiy Die Geschichte meiner Freundschaft mit der deutschen Sprache hat ihre Wurzeln in...
  2. SEK schlägt zu … und raus bist du! von Katja Barthold Es ist der 16. April 2009, sechs Uhr am Morgen. Räumpanzer rollen heran, aus Hubschraubern seilen sich – meist von spektakulären Geiselbefreiungen bekannte – Spezialeinheiten ab. Tränengasgranaten sausen durch die Luft. Wenig später machen Polizeieinheiten aus vier...
  3. „Mein liebes Stiefvaterland“ In den 1990er-Jahren kamen etwa 345.000 Kriegsflüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina nach Deutschland. Der Großteil verließ die BRD wieder. Auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens trifft man daher heute häufig auf junge Menschen, die fließend Deutsch sprechen und  sich mit dem...
  4. „Mensch, wo bist du?“
    Von leeren Kirchen und vollen Stränden
    von Thibaut “Mensch, wo bist du?” (1. Mose 3,9) – diese Frage kann einem in den Sinn kommen, wenn man sich mal durch Zufall oder Absicht an einem Sonntagmorgen in eine Kirche verirrt/begibt. Besonders Menschen diesseits der 60 Jahre sucht...
  5. Ein Schweizer liest Brandenburg – Dieter Moor zu Gast im Volkshaus Amüsante Geschichten eines Auswanderers, der die Geborgenheit der Schweiz gegen die Unsicherheit der brandenburgischen Provinz tauschte. von Laser Knapp 500 Besucher kamen am Dienstag Abend ins Volkshaus – es schlummerten Erwartungen, die gefälligst nicht enttäuscht werden sollten. Denn Kultur war...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>