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„Ich muss schreien, ich muss quieken, ich muss flennen“

9 Juni 2009 One Comment

Als „Ramona Extreme“ uns zum Interview einlud, dachten wir an Geschichten über gewaltätige Freier, Frauen unterdrückende Zuhälter und das Leben einer vom Schicksal gebeutelten Prostituierten in einer sie verachtenden Gesellschaft. Doch stattdessen fanden wir in einer bürgerlich eingerichten Zwei-Zimmer-Wohnung in Gera eine selbstbewusste 46-jährige Frau vor, die sich weder als Opfer noch als Täter sieht. Wir trafen Ramona, deren Erfahrungen und Ansichten trotz ihrer 20-jährigen Berufserfahrung nicht weniger widersprüchlich sind, als es unsere Vorurteile über sie waren. Eine Frau, die tschechische Mädchen aus der
Zwangsprostitution rettete und deren größtes Tabu Sex mit Ausländern ist; die ihre Arbeit auch als Kampf gegen Pädophilie versteht und sich dafür – das Vergewaltigungsopfer spielend – in Kinderkleider zwängt.  Eine Frau, die kaum eine sexuelle Spielart nicht praktiziert hat und sich bei manchen jungen Freiern dennoch ihres Körpers schämt.

Das Gespräch mit Ramona führten fabik und Caro.
Erzähl uns bitte von Deiner Arbeit. Was machst Du, wie sieht ein normaler Arbeitstag aus? Ich biete den normalen Bereich an, d.h. zärtlichen Sex,­ und auch härteren Sex. Kliniksex und so ein Zeug.

Welches Zeug? Beim Kliniksex kleide ich mich wie eine OP-Schwes­ter. Ich habe ein weißes Studio mit Frauenarztstuhl und es werden Untersuchungen gemacht: Katheter legen oder Anal­dehnung – wie beim Doktor. Das geht so weit, bis die Männer richtigen Schmerz empfinden, wenn ich ihnen z.B. die Vorhaut zunähe. Manchmal muss ich ein kleines Kind spielen. Deshalb finde ich den Job gut, denn sonst würden sie sich vielleicht an kleinen Kindern auslassen.

Du meinst, Du verhinderst mit Deiner Arbeit tatsächlich Kindesmissbrauch? Ja, das ist so. Ich nehme die Rolle des Babys an, oder der Gast ist das Baby und ich lege ihm Windeln an. Dann gibt es Vergewaltigungsspiele: Ich muss einen Minirock anziehen und lasse mich fesseln. Der Gast schlitzt mir dann mit einem Messer die Klei­dung auf. Ich muss schreien, ich muss quieken, ich muss flennen.

Vielleicht förderst Du aber auch krankhafte Perversionen, indem Du Männern die Möglichkeit bietest, selbige aus ihrer Vorstellungswelt in die Realität zu holen … Bei manchen läuft einfach innerlich so ein Film ab. Und dann ist es doch gut, wenn sie zu uns kommen. Wenn so ein Mann bei mir ist, für den ich ein kleines Kind spielen muss, sehe ich ihn an und denke innerlich: Ich würde Dich am liebsten erschlagen! Verspürst Du in solchen Momenten auch Hass? Ja, auf die, die mit kleinen Kindern etwas zu tun haben, schon. Ich meine, ich mache jeden Mist mit. Wenn er auf Qualen steht, dann ist es sein Körper, dann muss er da durch. Aber wenn einer sagt: „Ich stehe auf kleine Kinder!“, dann möchte ich …

Wie hast Du angefangen, Dich zu prostituieren? Über eine Freundin bin ich dazu gekommen, d.h. auf den Straßenstrich. Die erzählte mir: „Mensch, Du kannst hier richtig viel Geld verdienen, gucke es Dir doch mal an!“ Dort hat es mir aber nicht gefallen, ich bin auch an einen falschen Typen geraten. Und so bin ich im Nachtclub gelandet.

Wie hat Deine Familie darauf reagiert? Meinen Kindern habe ich es zunächst verheimlicht. Ich habe auch Pornofilme gedreht. Irgendwelche Schulkameraden haben mich dann auf dem Cover gesehen – da ging ein riesiges Theater los! Meine Kinder waren damals acht und neun Jahre alt, sie verstanden das noch nicht. Ich habe meine Kinder allein großgezogen und irgendwo musste das Geld ja herkommen. Heute stehen sie hinter mir, akzeptieren meinen Job und sagen: „Ja Mutti, Du verlangst von niemandem Geld, bettelst nicht …“

Hast Du Spaß an Deiner Arbeit? Es ist nicht nur das Geld, muss ich ehrlich sagen. Also ich habe Spaß daran. Ich habe selbst keinen Freund, und irgendwoher muss ich mir meinen Sex ja holen. So kriege ich ihn auch noch bezahlt.

Hast Du allgemein das Gefühl, dass Dich Deine Kunden respektieren? Ja. Ich kriege Blumen geschenkt, Kaffee, Geschenk­pakete, Lippenstift. Die rufen mich an und fragen, was ich will. Also es gibt wirklich liebe Leute. Aber so sind nicht alle.

Aber die meisten Männer kommen doch nur, weil sie ein „Loch mit zwei Brüsten“ brauchen? Das ist eher bei Leuten der Fall, die nichts zu sagen haben: Möchtegernchefs, Versicherungsvertreter … Die kommen herein und behandeln mich wie Ware.

Wie gehst Du damit um? Dann bin ich eine Maschine und treibe ihn auch an und sage: „Du Arschloch, komm, fick’ mich jetzt, Du Sau!“ Dann verstehe ich auch keinen Spaß mehr. Aber meine Stammleute, die wissen, wie ich bin, die machen das nicht.

Wie fühlst Du Dich, wenn man Dich als Schlampe bezeichnet? Das sind die Arschlöcher, die zu Hause bei der Ehefrau genauso sind. Die meisten haben Respekt, das ist gegenseitiger Respekt. Es gibt auch Gäste, die verliebt in Dich sind, die wirst Du gar nicht mehr los …

Denkst Du, dass Du selbst oder Deine Kunden Opfer sexistischer Einstellungen sind? Das würde ich nicht sagen. Nee, würde ich nicht sagen.

Als Prostituierte und Pornodarstellerin vermittelst Du ja ein ganz bestimmtes Frauenbild: immer willig, macht alles mit usw. … Die Gäste halten die Ehefrau und die Prostituierte schon auseinander. Bei mir holen sie sich ja, was sie daheim nicht kriegen. Eine Frau merkt ja, wenn der Mann fremdgeht. Deshalb muss der Mann da auch vorsichtig sein und das auseinander halten.

Nehmen wir mal an, ein Vierzehnjähriger schaut sich Deine Videos an … Ich muss ehrlich sagen: Das ist nicht mein Problem! Bei mir sieht er sie nicht, bei mir käme er nicht herein. Wenn er das auf der Straße sieht, sind die Eltern dran Schuld, da mache ich mir keinen Stress.

Glaubst Du, solche Videos verändern etwas im Denken des Jungen? Ja. Ich denke, gerade auf Unerfahrene übt das einen gewissen Reiz aus. Es gibt zurzeit viele junge Leute, die auf solche Kaviarspiele [sexuelle Spiele mit Kot – Anm. d. Red.] stehen, vor denen ich mich manchmal selbst ekele. Und so unterhalte ich mich mit ihnen, frage, wieso sie diese Neigungen haben, wie sie dazu kommen. Viele wollen Dinge ausprobieren, die gar nicht ihren Neigungen entsprechen.

Kannst Du trotz all Deiner Erfahrungen noch schüchtern oder prüde sein, kannst Du Dich schämen, kann Dir Dein Körper noch peinlich sein? Ja, gerade wenn junge Leute kommen, habe ich Probleme mit meiner kräftigen Figur. Aber auf der Straße ist mit nichts peinlich. Ich rede mit Ämtern, mit dem Arbeitsamt. Ich bin eine Prostituierte – und dazu stehe ich. Ich rede offen, alle kennen mich: die Polizei, die Taxifahrer … Sie lachen und grüßen mich. Ich bin hier bekannt, und nicht nur hier!

Welches Bild hast Du von Deinen Kunden? Blickst Du auf sie herab oder hast Du manchmal auch Mitleid? Manchmal tun sie mir leid. Es kommen ältere Kunden, deren Frauen krank sind, die nicht mehr „können“. Manchmal denke ich mir dann: „Der arme Opi, dem nimmst Du die Rente weg!“ Doch dann denke ich mir: Wenn ich es nicht mache, macht es halt jemand anderes.

Hat sich durch den Beruf auch Dein Männerbild verändert? Privat auf jeden Fall! Ich bin sehr misstrauisch, wenn mich jemand näher kennenlernen möchte. Viele Männer, die zu mir kommen, sind glücklich verheiratet, suchen aber trotzdem nach Abwechslung. Es würde mir schwer fallen, Vertrauen zu ihnen aufzubauen. Er müsste mir wirklich beweisen, dass er hinter mir steht.

Warum schauen die meisten Menschen abschätzig auf Prostituierte herab? Sie verachten und hassen uns einfach. Die Frauen, weil ihre Männer zu uns gehen. Da steckt der schlechte Ruf noch drin. Früher waren Prostituierte doch das Schlimmste, was es gab: Schlampen, die alles drauf lassen. Es gibt Frauen … in den Betrieben, in den Krankenhäusern … gerade Krankenschwestern! Die vögeln sich doch quer durch die Betten! So ist das wirklich. Nur weil wir Geld verlangen, sind wir die Schlimmen. Dabei stehen wir mehr unter ärztlicher Kontrolle als manch andere.

Die öffentliche Wahrnehmung von Prostitution ist geprägt von Begriffen wie  Menschenhandel, Drogenhandel, Zwangs­prostitution … Das war früher, aber jetzt nicht mehr. Bei euch in Jena wird das noch so sein.

Warum finden es Menschen trotzdem unmoralisch, für Sex Geld zu verlangen? Im Prinzip ist jede Frau eine Prostituierte, und jeder Mann genauso. Die eine geht zur Disco und lässt sich ein Getränk ausgeben – und schläft anschließend mit dem. Die vögelt für ein Glas Cola oder Sekt. Die sind billiger als wir. Selbst die Ehefrau ist eine Prostituierte, die will sich was Schönes zum Anziehen oder einen teuren Lippenstift kaufen. Und was macht sie? Sie schmeichelt ihrem Mann, macht schön Sex, lecker-lecki – und am nächsten Morgen kriegt sie ihr Geld!

Hast Du den Eindruck, dass sich die öffentliche Wahrnehmung in Bezug auf Prostitution geändert hat? Wirst Du heute eher respektiert als früher? Den Respekt muss man sich selbst verschaffen. Bei den Behörden werden wir aber schon respek­tiert, denke ich. Trotzdem werden uns immer noch viele Steine in den Weg gelegt. Die können jetzt auch nicht mehr anders, weil es eben offiziell anerkannt wurde. Aber wäre es tatsächlich anerkannt, stünde auf meinem Gewerbeschein offiziell „Prostituierte“ statt „Begleitservice“.

Wünschst Du Dir diese vollständige Anerkennung?
Ja. Ja! Es ist eine Arbeit wie jede andere …

Aber es bleibt doch trotzdem ein Unterschied zwischen partnerschaftlicher Liebe und dem Akt, mit irgendjemandem, den man nicht kennt, gegen Bezahlung zu schlafen?
Wenn man etwas haben will, dann geht Vielen doch auch im Kopf herum: Ich will etwas haben! Und deshalb schlafen sie in diesem Moment mit jemandem – und nicht aus Liebe! Wenn man aus Liebe ins Bett geht, dann ergibt sich sicherlich etwas Beständigeres. Aber wenn man nur etwas „haben“ will, dann schläft man schlicht mit jemandem, selbst wenn man keinen Bock hat. So ist es! Ich muss leben.

Hast Du Deine Berufswahl jemals bereut? Ehrlich gesagt: Ich hätte gern eher angefangen. Ich bereue keine Stunde.

Die sehr sehr sehr viel längere O-Ton-Fassung findet ihr demnächst hier!

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  • Janette Trommer meint:

    Hallo.Ich finde es gut mit dem Thema offen umzugehen.Möchte selber als Prostituierte arbeiten und versuche gerade in Gera Fuss zu fassen.

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