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„Don’t fuck the company!“ – Oder doch?

10 Februar 2022 No Comment
Luca Signorelli, Die Auferstehung des Fleisches, 1499-1504

Luca Signorelli, Die Auferstehung des Fleisches, 1499-1504 ( © wikicommons/Anjos Caídos)

Mit dem WG-Mitbewohner schlafen? Diese Idee sollte schleunigst beiseitegeschoben werden, wenn man an einer friedlichen Koexistenz interessiert ist. – Dieser Gedanke steht zumindest hinter dem Spruch „Don’t fuck the company!“. Aber was hat es mit der Befürchtung, Sex könne Freundschaften zerstören, auf sich? Und was haben die Reality-Show Finger weg! und Tinder damit zu tun?

von Dennis

Stellt Euch eine Welt vor, in der das Motto eines jeden WG-Lebens – „Don’t fuck the company“ – überhaupt nicht mehr gelten würde, einfach weil es keine Probleme produzieren würde, wenn man gegen dieses ungeschriebene Gesetz verstieße. Stellt Euch eine Welt vor, in der es keine sexuellen Missbräuche gäbe, einfach weil niemand ein Problem in sexuelle Gewalt umsetzen müsste. Die Welt wäre friedlicher, freundlicher, vielleicht sogar effizienter und vernünftiger. Diesem Credo verschreibt sich die 2020 erschienene Reality Show Finger weg!. Der Titel enthält bereits das Wichtigste: Jeglicher sexueller Kontakt, auch mit sich selbst, ist verboten. Während dieser sexlosen Zeit sollen stattdessen Workshops die persönlichen Beziehungen auf anderen Gebieten stärken. Denn, so die Philosophie der Show: Sex-Verbot schaffe endlich Raum für eine tiefere, echte soziale Bindung.

Als ich von der Show hörte, fiel mir sofort der russische Autor Andrej Platonov ein, der 1926 einen Text mit dem Titel Anti-Sexus verfasste. Dieser wurde als Reaktion auf eine frühsowjetische Strömung geschrieben, die ebenfalls unter anderem Sexualität von sonstigen sozialen Beziehungen trennen wollte. Die Form des utopisch fiktionalen Textes ähnelt der Werbebroschüre eines Unternehmens, das einen Apparat erfunden hat, der sexuelles Verlangen effizient, hygienisch und individuell einstellbar befriedigen kann. Das Unternehmen sieht seine Mission darin, die, so heißt es, „sexuelle Barbarei der Menschheit abzuschaffen“. In Kriegszeiten soll der Anti-Sexus Soldaten auf Trab halten, die Effizienz von Fabrikarbeitern steigern und aufmüpfige „Ureinwohner“ in den Kolonien ruhigstellen können. Aber nicht nur das: Der Anti-Sexus schafft es zudem, wahre Freundschaften zu fördern, weil er sie von den Exzessen der Sexualität befreit, so die Idee des Autors.

In dieser Auffassung von Sexualität verstecken sich einige Tücken. Die oberste Prämisse des Anti-Sexus (und von Finger weg!) ist, dass Sexualität deswegen problematisch ist, weil sie immer auf der Unberechenbarkeit des Anderen beruht. Dabei spielen Erwartungen, Mehrdeutigkeiten und Enttäuschungen eine Rolle. Dinge werden also dann kompliziert, sobald das Sexuelle aufkommt. Der Anti-Sexus liefert daher eine Art reiner Essenz der Sexualität, die unabhängig von Unsicherheiten und Anstrengungen verabreicht werden kann. Es geht also darum, einerseits das Sexuelle aus dem Anderen und andererseits den Anderen aus dem Sexuellen zu destillieren.

Aber kann es überhaupt eine Sexualität ohne Exzess – sprich: ohne Komplikationen – geben? Die zeitgenössische Gender-Theorie, die stark von den Philosophinnen Judith Butler, Donna Haraway und Rosi Braidotti geprägt ist, glaubt jedenfalls daran. Mittlerweile kennt jede und jeder die Buchstabenreihe der sexuellen Identitäten „LGBTQIA+“. Bisherige Gender-Theorien haben wesentlich an der Entstehung dieser Kategorisierung von sexuellen Identitäten beigetragen. Wenn man aber Sexualität auf eine oder mehrere sexuelle Identitäten reduziert, nimmt man zwangsweise damit an, dass Sexualität eine Eigenschaft des Menschen unter vielen anderen wäre. Und da ein Ding Eigenschaften haben oder nicht haben kann, muss man folglich annehmen, dass auch der Mensch Sexualität (oder eine sexuelle Identität) haben kann oder eben nicht. Diesen Gedanken teilen implizit sowohl Finger weg! und der Anti-Sexus als auch besagte Gender-Theorie.

Paradoxerweise ist es gerade der heute belächelte Sigmund Freud, der einen Begriff von Sexualität entwickelte, der auf entscheidende Weise radikaler ist als der seiner Kritiker. Wo die Gegner der Psychoanalyse in ihr einen kruden Dualismus der Geschlechter am Werke sehen, war es Freuds explizites Anliegen in seinen Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, zu verstehen, warum seine psychoanalytische Erfahrung darauf hindeute, dass das Unbewusste gar keine Zweiheit der Geschlechter kenne. Sogar das Gegenteil sei nach Freud der Fall: Die Zweiheit „männlich/weiblich“ entstehe erst durch gesellschaftlichen Druck. Freud zieht daraus den Schluss, dass frühkindliche Sexualität alles andere als festgelegt ist, sondern, wie er es nennt, „polymorph-pervers“, also in alle Richtungen geformt, verdreht und jenseits jeder festen Kategorie strukturiert ist. Was wir als Erwachsene als sexuell empfinden, hängt maßgeblich davon ab, welche Verdrängungsmechanismen seit der Kindheit aufgetreten sind. Erwachsene sind demnach Kinder mit mehr oder weniger sozialkompatiblen Verdrängungsmechanismen. Jene polymorph-perverse Seite der Sexualität bleibt aber unbewusst immer bestehen und widersetzt sich jeder äußeren Zuschreibung – egal, ob es sich um „männlich“, „weiblich“ oder um eine aus der Reihe „LGBTQIA+“ handelt. Freuds Begriff der Sexualität stellt dieses „+“ selbst dar: Fernab jeglichen Schubladendenkens beinhaltet menschliche Sexualität für Freud stets ein Mehr, worum wir als Menschen nie gebeten haben, weswegen Sexualität nach Freud stets exzessiv und verkomplizierend ist. Wenn aber Finger weg!, der Anti-Sexus und Gender-Theorie sich darin einig sind, Sexualität nur als eine Eigenschaft des Menschen unter anderen zu begreifen, bekommt der 70er-Jahre-Slogan der „sexuellen Befreiung“ einen ungewollt menschenfeindlichen Spin: Befreiung der Sexualität wird zur Befreiung von Sexualität; Befreiung des Menschen wird so zur Befreiung vom Menschen.

Die Befreiung, die uns Finger weg! nahelegt, ist eigentlich keine. Der Glaube an die Möglichkeit sexloser Menschen, die eine friedlichere und vernünftigere Welt erbauen könnten, ist vor allem eines: bequem. Was ist denn Tinder anderes als eine Bequemlichkeitsorganisationshilfe, die einem die Komplikationen beim Ansprechen auf der Straße oder im Café erspart? Bequemlichkeit ist aber weder Freiheit noch Ethik. Das ganze Gerede über ethisches Konsumieren, ethisches Ficken und ethisches Sprechen dient vor allem dazu, die große Bequemlichkeit hinter all den Regeln zu verbergen. Nein, Ethik kennt keine Regeln oder Verbote, sondern nur Gesetze. Geile Gesetze.

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