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„Auf der Flucht vor dem Gift der Zivilisation“

8 Juli 2019 No Comment

Was sucht der Mensch, der die Wildnis der Zivilisation vorzieht?

Die Aussteigerlieratur thematisiert die Suche des Menschen nach innerer Befriedigung in der Wildnis und die Flucht vor gesellschaftlichen Zwängen. Drei Bücher beschreiben dieses Phänomen von ganz unterschiedlichen Perspektiven: Thoreaus “Walden” stilisiert Natur als Gegenwelt der Industrialisierung, “Into the Wild” von Jon Krakauer beschreibt das Phänomen der jungen, männlichen Gesellschaftsaussteiger und in “Wild” von Cheryl Strayed geht es um die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit in der Wildnis.

von Ladyna

Spätestens seitdem ein griechischer Philosoph namens Diogenes  das Leben in einem Fass den zivilisatorischen Errungenschaften vorzog, haben Menschen im radikalen Wandel ihrer Lebensweise eine Möglichkeit gesehen, innere Befriedigung zu erlangen. Diogenes schockierte durch öffentliche Masturbation, er stellte seine frei gewählte Armut zur Schau und lehnte Bequemlichkeit nicht nur ab, sondern sah diese auch als Ursache vieler Übel seiner Zeit an. Er propagierte Selbstgenügsamkeit, Unabhängigkeit von äußeren Zwängen, lebte eine radikale Freiheit und begegnete den Gelehrten seiner Zeit mit Frechheit. Damit brüskierte und faszinierte er seine Zeitgenossen. Vielleicht sind auch deswegen die antiken Berichte zu Diogenes überdurchschnittlich zahlreich – wenn auch nicht unbedingt positiv. Durch die Brille des schrulligen und unangepassten Philosophen wirkte das bürgerliche Leben ebenso verrückt und sinnentleert, wie sein eigenes aus bürgerlicher Perspektive wirkte. Diese außergewöhnliche Sichtweise, die Aussteiger eröffnen, reizte Autoren damals wie heute, der Gesellschaft durch sie den Spiegel vorzuhalten.

Flucht vor den Schrecken der Industrialisierung

Was für Diogenes das Fass war, war für Henry David Thoreau eine selbstgebaute Blockhütte im Wald, in der er mehr als zwei Jahre der industrialisierten Massengesellschaft der jungen USA entfloh. Aus seinen Erfahrungen heraus schrieb er das 1854 erschienene „Walden“, in dem er das Leben im Wald als Befreiung von allen äußeren Zwängen charakterisierte und einen Einklang mit der Ganzheit alles Seienden beschwor. „Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte“. Für Thoreau ist es eine bewusste Entscheidung: eine Entledigung von zivilisatorischen Lügen, die dem wahren Wesen des Menschen nicht entsprechen und ihn nur beschweren. Er setzt sich genau wie Diogenes für das Ernstnehmen essentieller menschlicher Bedürfnisse ein. Gleichzeitig begegnet er der Entfremdung und dem Gefühl der Beschleunigung durch die Industrialisierung mit einer Rückbesinnung auf den inneren Rhythmus des Menschen: „Wozu diese verzweifelte Jagd nach Erfolg, noch dazu in so waghalsigen Unternehmungen? Wenn ein Mann nicht (Gleich-) Schritt mit seinen Kameraden hält, dann vielleicht deshalb, weil er einen anderen Trommler hört. Lasst ihn zu der Musik marschieren, die er hört, in welchem Takt und wie fern sie auch sei.“

Thoreau hob auch eine der Grundprämissen der aufkommenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung aus den Angeln: dass Wachstum primär an materielle Besitztümer gekoppelt ist. Ähnlich wie Diogenes sah er materiellen Besitz als Störfaktor, der den Menschen von seiner eigentlichen Natur abbringt und den Geist verschmutzt. Wildnis stellte für ihn auch das Bedürfnis des menschlichen Geistes nach einem eingegrenzten Reizumfeld dar, eine Gegenbewegung zu den Überforderungen, die die rasanten technischen Fortschritte mit sich brachte.

Ähnlich wie andere Literatur, die ein sehr romantisches Naturverständnis propagiert, macht „Walden“  deutlich, dass Natur für den technokratischen Menschen vor allem ein Mysterium, eine Projektionsfläche bietet. Natur in der Aussteigerliteratur ist eine Kategorie, die ein von eben dieser entfremdeter Mensch geschaffen hat. Die Wildnis, in der Thoreau das bessere Leben sucht, ist ein kulturell geprägter, moralisch aufgeladener Begriff. Er stilisiert sie als Gegenwelt zum zivilisatorischen Ordnungsprinzip als eine verlorene, reine Ursprünglichkeit. Dies kann so weit gehen, dass dem eigenen Tun eine prophetische Komponente zugesprochen wird, wie bei Thoreau, dessen Buch als Manifest für eine fundamentale Gesellschaftstransformation zu lesen ist.

Authentischer Mut oder weltfremder Leichtsinn?

Ein anderer Archetyp des Aussteigers ist der adrenalingetriebene Suchende, der die ultimative Herausforderung möchte. Eine Lebensphase ist besonders prädestiniert für dieses Verhalten: die Adoleszenz. In dieser Phase überwiegt der Drang, das eigene Ich zu erproben und sich selbst zu beweisen. Der durch Jon Krakauers Buch „Into the Wild“ 1996 international bekannt gewordene Christopher McCandless war zwei Jahre auf einer persönlichen Odyssee durch die USA gezogen, um Freiheit und Authentizität zu finden und starb schließlich mit 24 Jahren in Alaska in einem verlassenen Bus, vermutlich an Unterernährung durch eine giftige Pflanze. Das Bild, welches er hinterlässt, ist gespalten: Einwohner Alaskas werfen ihm Dilettantismus und Leichtsinn vor, während  Menschen aus aller Welt ihn als Propheten des wahren Lebens sehen, der nach seinem persönlichen weißen Fleck auf der Landkarte suchte und die Ödheit der vorgetretenen Pfade verließ. Krakauer schreibt dabei keine bloße Biographie, sondern psychologisiert ein allgemeineres Phänomen und macht dieses vor allem am Beispiel von McCandless fest, der sich selbst eine neue Wildnis-Persönlichkeit konstruierte. McCandless gibt sich einen neuen Namen: Alexander Supertramp. Er wechselt in seinen Aufzeichnungen zur dritten Person. Er kreiert ein Narrativ, das ihn selbst aufwertet, sein Tagebuch spielt eine zentrale Rolle in seiner selbstgewählten Einsamkeit. Schließlich hinterlässt er kurz vor seinem Tod seinen eigenen Nachruf in einer Holzplatte im Inneren des Busses: „Auf der Flucht vor dem Gift der Zivilisation durchschreitet er allein das Land, um sich in der Wildnis zu verlieren. Alexander Supertramp, Mai 1992.“

Eine gewisse Überheblichkeit, einen besseren Weg gefunden zu haben als alle anderen zuvor und der Hunger nach Authentizität und Wahrheit sind typische Motive. Sie waren schon bei Thoreau vorhanden: „Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde“, schrieb dieser in Walden. Beide Männer zelebrieren den Primitivismus, die radikale Entsagung des zivilisatorischen Luxus, welche eine neue geistige Tiefe hervorrufen und eine Art charakterlicher Reinheit mit sich bringen soll. McCandless bezeichnet sich selbst als Extremist. Er möchte die Falschheit in sich selbst töten und seine Sozialisierung hinter sich lassen. Jenen, die McCandless als leichtsinnigen Spinner abstempeln, macht das Buch klar, wie ernsthaft seine Suche nach Herausforderungen gewesen sein muss, auch wenn sie kein gutes Ende nahm. Dass sein Ziel nicht im Überleben, sondern im Sich-Selbst-Spüren lag. Krakauers Buch ist damit auch eine Kritik an der sicherheitsfanatischen Gesellschaft, die die jugendliche Sehnsucht nach Gefahr nicht versteht, die eigentlich eine Form der Freiheitssuche ist. McCandless nimmt existenzielle Risiken eines Lebens ohne gesellschaftliche Netze in Kauf, um die von ihm als ungesund empfundenen gesellschaftlichen Strukturen hinter sich zu lassen. „In Wirklichkeit ist nichts schädlicher für den abenteuerlustigen Geist in einem Mann als eine sichere Zukunft“, so McCandless. Krakauers Buch ist so auch eine Studie einer Männlichkeitsvorstellung, die körperliche Stärke und Überlebensfähigkeit heroisiert. Das Bezwingen von Hindernissen und Überwinden weiter Strecken wird als Beweis der eigenen Lebensfähigkeit erlebt, die Wanderschaft ist ein Akt der Persönlichkeitsbildung.

Vorwärts laufen und zurück schauen

Das Motiv der Wanderschaft und Sinnsuche findet sich auch in „Wild“ wieder, dem autobiografischen Werk der Amerikanerin Cheryl Strayed aus dem Jahr 2012, wenn auch aus ganz anderer Perspektive. Strayed verliert mit 22 Jahren ihre Mutter, Stiefvater und Geschwister distanzieren sich, ihre Ehe scheitert, ein Liebhaber überzeugt sie, Heroin zu nehmen. Für sie ist die Suche nach der Wildnis keine Zivilisationsabsage und keine theoretische Konstruktion einer alternativen Lebensweise, sondern lediglich der Weg aus dem persönlichen Abgrund. Am Ende erreicht die Autorin nach fast 1800 km auf dem Pacific Crest Trail die Brücke der Götter und die Erkenntnis, was sie eigentlich gesucht hatte: „Ich konnte endlich begreifen, was es gewesen war: die Sehnsucht nach einem Ausweg, obwohl das, was ich finden wollte, eigentlich ein Weg nach innen war.“  Die Autorin musste ihre Lebenswelt körperlich verlassen, um geistig in sie zurückkehren zu können und in der Lage zu sein, ihre schwierige Vergangenheit aufzuarbeiten. Im Vergleich zu Thoreau oder Krakauer geht es hier nicht um große gesellschaftliche Tendenzen oder moralisch aufgeladene Konzepte. Die Wildnis wird nüchterner gesehen und nicht zu etwas Heiligem, einer Erlebniswelt mit eigenem Regelwerk hochstilisiert. Sie wird als nicht-wertende, nahezu gleichgültige Instanz betrachtet, in der kein Rechtfertigungszwang besteht und damit Vergangenheitsbewältigung stattfinden kann. Ebenso wie Diogenes hinterfragt die Autorin die gesellschaftliche Sexualmoral, gegen die sie nach dem Verlust ihrer Mutter systematisch verstoßen hatte. Es geht in ihrem Buch nicht um Verbesserungsmaxime und große Ideale. Stattdessen geht es um die unbeschönigte Realität: um blutige Blasen, Klapperschlangen und übergriffige männliche Wanderer. Und um den Umgang mit dem Tod. Eine Frau legt über tausend Kilometer zurück, um rückwärts denken zu können.

Diese moderne Aussteigergeschichte macht vor allem klar, dass der Mensch sich selbst und die Zivilisation nie gänzlich verlassen kann. Die Vorstellung von Wildnis hat etwas in sich zutiefst Paradoxes: Wenn Wildnis dadurch definiert wird, dass sie der menschlichen Einflussnahme entzogen ist und Mensch und Natur zwei gegensätzliche Kategorien sind, bedeutet die Präsenz des Menschen in der Natur deren Niedergang. Entsprechend kann der Mensch nicht in die Wildnis fliehen, denn dort, wo er sich aufhält, kann nie Wildnis sein. Weil der Mensch der Natur Bedeutungsmuster aufzwängt, die dieser nicht innewohnen, kann er sie nie als das wahrnehmen, was sie eigentlich ist. Gleichzeitig nutzt die Aussteigerliteratur das Motiv des Menschen in der Wildnis zur Individualisierung einer Person und zur Verstärkung existenzieller Fragen. Wildnis ist ein Konzept, das erst durch die Existenz von Zivilisation heraufbeschworen werden musste. Trotz – oder gerade aufgrund – ihrer Nichtexistenz, ist die Wildnis etwas, das der Mensch unbedingt braucht.  So wie die Gesellschaft im Aussteiger einen Stein des Anstoßes findet, sich selbst zu reflektieren, kann sich das Individuum durch das Konzept der Wildnis seiner Identität bewusstwerden und damit wertvolle Denkanstöße über soziale Strukturen und seine Position darin erreichen. Hierin liegt der wirkliche Wert der Flucht in die Wildnis: die Möglichkeit der Reflexion, die danach ein Zurückkehren in das Alte mit wachen Augen möglich macht.

 Buchempfehlungen

Henry David Thoreau:
Walden: oder Leben in den Wäldern
Nikol Verlag 2016
432 Seiten
5,95 Euro

Jon Krakauer:
In die Wildnis: Allein nach Alaska
Piper Taschenbuch Verlag 2007
304 Seiten
11,00 Euro

Cheryl Strayed:
Der große Trip: Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst
Goldmann Verlag 2014
448 Seiten
9,99 Euro

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